Sonntag, 7. Januar 2018

Frohes Neues Jahr mit vollwertig pflanzlicher Ernährung

Allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs wünsche ich ein frohes neues Jahr 2018 und viel Gesundheit dank vollwertig pflanzlicher Ernährung.

Ich beziehe kaum E-Mail-Newsletter, da ich nur wenige gefunden habe, die wirklich regelmäßig interessante und relevante Informationen liefern. Ein Newsletter, der mir wirklich immer wieder neue Erkenntnisse bringt und den ich deshalb freitags immer kaum erwarten kann, ist der ProVegan-Newsletter von Dr. med. Walter Henrich. In der jüngsten Ausgabe macht Dr. Henrich gleich auf zwei neue Studien aufmerksam, die wieder einmal die gesundheitlichen Vorteile einer vollwertig pflanzlichen Ernährung ohne Tierprodukte aufzeigen.

Die eine ist in einem Journal erschienen, das bezeichnenderweise einfach nur "Prostate", also "Prostata" heißt: Milk and other dairy foods in relation to prostate cancer recurrence: Data from the cancer of the prostate strategic urologic research endeavor (CaPSURE™). In ihr wurden über 1000 Männer mit (noch) nicht-metastasierendem Prostatakrebs über einen Zeitraum von durchschnittlich 8 Jahren beobachtet. Es zeigte sich, dass der Konsum von Vollmich signifikant mit einem erhöhten Risiko für ein aggressives Fortschreiten des Krebses einherging. In dieser Studie wurde zwar kein Zusammenhang zwischen dem Konsum von fettarmer Kuhmilch und dem Risiko für ein Fortschreiten festgestellt, doch gibt es ja bereits mehrere Dutzend Studien, die belegen, dass der Konsum von Milchprodukten in verschiedenster Form einen Risikofaktor für das Auftreten und Fortschreiten von Prostatakrebs darstellt.

Die DGE, deren wissenschaftliche Beiräte in den verschiedenen Bundesländern mit Vertreter_innen der Milchwirtschaft durchsetzt sind, versucht das ja beharrlich zu ignorieren und empfiehlt aller Evidenz zum Trotz weiterhin den Konsum von etwa einem Viertel Liter Milch oder entsprechender Milchprodukte am Tag. Sie begründet das mit den guten Inhaltsstoffen wie Kalzium und dem in ein paar Studien gezeigten geringeren Risiko für Darmkrebs durch Milchprodukte. Dabei wird jedoch unterschlagen, dass man zum einen die guten Inhaltsstoffe der Milch allesamt auch aus pflanzlichen Lebensmitteln bekommen kann (wie z.B. Kalzium aus Spinat und anderem grünen Blattgemüse) ohne damit sein Prostatakrebsrisiko zu erhöhen. Und zum anderen zeigt ein weltweiter Vergleich der Darmkrebsvorkommen, dass dieses im milchverzehrenden Westeuropa mit 13 Prozent höher liegt als in Ost- und Südostasien mit jeweils 10 Prozent oder weniger, obwohl dort praktisch keine Milchprodukte konsumiert (und auch gar nicht vertragen) werden. Es wäre also eine reichlich dumme Idee sich als Mann durch den Verzehr von Milchprodukten ein geringeres Darmkrebsrisiko mit einem erhöhten Risiko für Prostatakrebs erkaufen zu wollen. (Dem Prostatakrebs entspricht bei Frauen übrigens der Eierstockkrebs, nur ist dessen Zusammenhang mit dem Verzehr von Milchprodukten bisher nicht ganz so gut erforscht.) Stattdessen sollte man lieber nach Asien sehen und prüfen, welche der dortigen Lebensstilfaktoren dort zu dem vergleichsweise geringeren Auftreten von Darmkrebs beitragen. Ein heißer Anwärter dürfte der höhere Anteil von Pflanzenkost und den darin enthaltenen Ballaststoffen sein.

Die andere im ProVegan-Newsletter erwähnte aktuelle Studie wurde im Dezember 2017 von Binita Shah, James Slater und anderen im Journal "Contemporary Clinical Trials Communications" veröffentlicht und bestätigt die Ergebnisse von Dr. Esselstyn: Eine vollwertig pflanzliche Ernährung unter Ausschluss von Tierprodukten liefert für Herzpatienten deutlich bessere Ergebnisse als die bisher von der Amerikanischen Herzgesellschaft AHA (American Heart Association) empfohlene Ernährung im "mediterranen" Stil mit geringen Mengen z.B. an Fisch und Geflügel. Insbesondere ein für Herzpatienten gefährlicher Entzündungsmarker, das Protein "HSCRP", war mit der veganen Ernährung gegenüber der "mediterranen" deutlich verringert, aber natürlich ebenso das schlechte Cholesterin LDL. (Doch, auch "fluffiges" LDL aus großen Teilen ist gefährlich, egal was Low-Carb- oder Paleo-Anhänger oder Cholesterinleugner dazu erzählen.) Wer also bisher noch Zweifel hatte, dass Dr. Esselstyn seine Studien vielleicht auch gefälscht haben könnte, und dass seine sensationelle, einfache und nebenwirkungsfreie Heilung von Herzerkrankungen vielleicht seiner bloßen Fantasie entsprungen sein könnte, kann diese Zweifel nun getrost ablegen.

Es geht also auch im neuen Jahr weiter damit, dass eine Studie um die andere die gesundheitlichen Gefahren von Tierprodukten und die gesundheitlichen Vorteile von pflanzlicher Ernährung zeigt. Dennoch treibt in den Medien gerade zum Jahresanfang, wo viele Menschen sich den Vorsatz des Abnehmes gefasst haben, wieder der gefährliche Low-Carb-Wahn sein Unwesen, durch den ja gerade viele pflanzliche Lebensmittel wie Kartoffeln und Getreide verteufelt werden und stattdessen Tierprodukte wie Fleisch, Eier, Milch und Käse Auftrieb bekommen. Ja, man kann mit Low-Carb-Ernährung abnehmen. Man kann auch mit Kokainkonsum abnehmen. Dennoch ist von beidem dringend abzuraten, wenn einem nicht nur das eigene Gewicht, sondern auch die eigene Gesundheit lieb und teuer ist. Bei genauem Hinsehen entpuppen sich all die scheinbaren wissenschaftlichen Grundlagen für eine Low-Carb-Ernährung als bloße Märchen und Statistik-Tricks, sogar dann, wenn sie sich als Studien in Wissenschaftsjournalen tarnen, die dann jedoch meist durch die Fleisch-, Milch- oder Eierwirtschaft finanziert und entweder gleich absichtlich falsch entworfen oder statistisch falsch ausgewertet oder interpretiert wurden. (Wie jüngst die Artikel im Lancet zur PURE-Studie.)

Da ich immer wieder zu einzelnen dieser Mythen und Märchen aus der Low-Carb-Ecke angesprochen oder angeschrieben werde, die es leider oft bis in Sendungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender schaffen, ist mein guter Vorsatz für dieses Jahr, dass ich eine Serie dazu machen und diese Märchen eines nach dem anderen entlarven werde. In diesem Sinne also noch einmal ein frohes neues Jahr!

Freitag, 29. Dezember 2017

Filmtipp: Cowspiracy

Filmcover "Cowspiracy"

Ich hatte mir den Dokumentarfilm "Cowspiracy" schon vor einiger Zeit als DVD gekauft, ihn dann aber erst mal lange liegen lassen. Als ich nun schon in der Woche vor Weihnachten frei hatte, nutzte ich die verfügbare Zeit endlich einmal, um ihn mir auch anzusehen.

Aufhänger des Films ist die Frage, warum eigentlich in den ganzen Klima- und Klimaschutzdebatten nie die Viehwirtschaft zur Sprache kommt, obwohl es amtlich ist, dass diese mehr klimaschädliche Gase verursacht als der gesamte Transportsektor zusammen genommen, einschließlich der weltweiten Luft- und Schifffahrt für Güter und Personen. Zwar schwanken die Schätzungen für den Anteil, den die Viehwirtschaft am Treibhauseffekt hat, zwischen 18 und 51 Prozent, je nachdem, wie das berechnet wird und ob man z.B. den klimaschädlichen Effekt der Rodung südamerikanischer Regenwälder für die Viehhaltung einbezieht oder nicht. Dass aber die Viehhaltung der Klimakiller Nr. 1 ist, ist und bleibt unstrittig. Bedenkt man nun noch, dass der Konsum von Tierprodukten im Gegensatz zur Auto- oder Zugfahrt zur Arbeit vollkommen verzichtbar ist, müsste jede seriöse Umweltschutzorganisation wie Greenpeace die Menschen und die Politik zuallererst dahin bringen, die Produktion tierischer Lebensmittel zu reduzieren und stattdessen pflanzliche Lebensmittel zu propagieren.

Der sympathisch naiv daher kommende Dokumentarfilmer Kip Anderson macht sich in diesem Film nun daran, dieser Frage nachzugehen und stößt auf eine Mauer des Schweigens. Letztlich führt wieder einmal der Spruch "Folge dem Geld" auf die richtige Spur, denn unabhängig davon, ob nun die Lobbygruppen der Tierindustrie die Unabhängigkeit von Umweltschutzorganisationen mit Spenden korrumpieren, oder ob die Umweltschutzorganisationen einfach Angst haben, mit Aufrufen zu wirksamen Lebensstiländerungen einen Großteil ihrer Privatspender zu vergrätzen: Es geht um's Geld und die Angst, es zu verlieren.

Natürlich werden in diesem Film noch verschiedenste andere Aspekte beleuchtet, z.B. der Umstand, dass die Viehhaltung in trockenen Landstrichen wie dem Südwesten der USA nicht nur der Haupt-Klimakiller, sondern auch der Haupt-Wasservergeuder ist.

Letztlich bringt der Film auch für schon informierte Menschen auf unterhaltsame, dabei jedoch auch erschreckende Weise viele neue Erkenntnisse. Manche nicht auf den ersten Blick offensichtliche Zusammenhänge werden mit anschaulichen Grafiken und Vergleichen leicht verständlich gemacht. Als populärer Dokumentarfilm spielt "Cowspiracy" damit in einer Liga mit dem Film "Eine unbequeme Wahrheit" von Al Gore, auf den Anderson sogar ausdrücklich Bezug nimmt, da dieser Film trotz seines Titels zwar die Wahrheit der menschengemachten Klimakatastrophe sehr gut verdeutlicht, dabei aber leider selbst die unbequeme Wahrheit unterschlägt, dass diese Klimakatastrophe zu einem sehr großen Teil auf das Konto des leicht verzichtbaren Konsums von Fleisch, Milch, Butter und Eiern geht.

Natürlich ist "Cowspiracy" wie alle Filme, die den Konsum von Tierprodukten hinterfragen, von interessierter Seite stark unter Beschuss genommen worden. Viele der im Film gemachten Aussagen wurden für reinen Unsinn erklärt, wie ja überhaupt alle Argumente für eine vegane Lebensweise immer gleich zu "veganer Propaganda" erklärt werden, und zwar unabhängig von ihrer sachlichen Gültigkeit. Die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt besteht nun einmal nach wie vor aus Tierverbraucherinnen und -tierverbrauchern und viele davon wollen alles abwehren, was ihre liebgewonnen Gewohnheiten in Frage stellt. Das ist erst einmal ein menschlicher und nachvollziehbarer Reflex. Eine Methode der Abwehr ist es dann halt, solche Menschen, die für einen Verzicht auf Tierprodukte plädieren, zu reinen Gefühlsduseln zu erklären, die eben aus ihrer Gefühlsduseligkeit heraus "Propaganda" für ihre Ziele betreiben. Dann sollen alle Argumente gegen den Tierverbrauch eben nur vorgeschoben sein und das einzig wahre Motiv dafür soll eben in dem Versuch liegen, "bloß" das Leiden von Tieren in der Tierindustrie zu verringern. (Und dieses Leiden wird dann entweder negiert oder der Verweis darauf als Argument für ungültig erklärt, weil er an das Gefühl apelliere und damit unsachlich sei.)

Nun trifft es sich, dass die Macher des Films diese Abwehr schon vorhergesehen haben und deshalb auf der zugehörigen Website für alle Aussagen im Film Belege und Quellen liefern. (Nämlich hier: http://www.cowspiracy.com/facts/) Das Argument einer veganen "Agenda", mit dem sich alle Argumente gegen den Tierverbrauch angeblich entkräften lassen, entpuppt sich damit selbst als logischer Fehlschluss.

Ich empfehle also jedem und jeder, sich diesen Film unbedingt anzusehen. Er handelt letztlich von der Zukunft der Menschheit auf diesem Planeten. Wer darin aus seiner oder ihrer Sicht ungültige Argumente findet, darf sie gerne hier und anderswo entkräften. (Oder es versuchen.)

Es gibt den Film nicht nur auf DVD zu kaufen, sondern wer ein Netflix-Abo hat, kann ihn wohl auch dort sehen. Bei der Suche nach dem Trailer auf YouTube habe ich festgestellt, dass man ihn gegen Einmal-Zahlung inzwischen auch dort sehen kann. Das scheint jetzt eine Neuerung auf YouTube zu sein, die ich etwas beunruhigend finde, da YouTube zu Google gehört und dieser Konzern mit seiner uneinholbaren Marktmacht immer mehr ein Monopol für sämtliche Angebote im Internet und teilweise sogar darüber hinaus aufbaut. (Ironie am Rande: Auch dieser Beitrag erscheint auf einer Blogging-Plattform, die zu Google gehört.) Ich empfehle also immer noch am ehesten den Kauf der DVD, da dies auch den Vorteil hat, dass man den Film an Freunde und Verwandte ausleihen kann. Wer aber den Preis von etwa 13 Euro nicht erübrigen möchte, kann ja auf ein Online-Angebot zurück greifen.

Donnerstag, 30. November 2017

B12-Supplemente und Lungenkrebsrisiko

B12
Anfang August wurde in manchen Medien über eine Studie im Journal of Clinical Oncology berichtet, deren Ergebnisse darauf hindeuten könnten, dass die langjährige hochdosierte Supplementierung mit Vitamin B12 bei Männern das Risiko für Lungenkrebs erhöhen könnte. (Link zur Original-Studie: https://doi.org/10.1200/JCO.2017.72.7735)

Auch wenn es in einzelnen veganen YouTube-Kanälen (z.B. bei "Vegan mit Rohe Energie") so dargestellt wurde, war an dieser Studie nichts Faules und es spricht auch nichts dafür, dass hier im Hintergrund antivegane Tierproduktelobbys eine Rolle gespielt haben.

Der Studie lag eine Kohorte aus dem US-Bundesstaat Washington von immerhin 77.000 Personen zugrunde, die zu Anfang des Beobachtungszeitraums befragt wurden, welche Supplemente sie regelmäßig in welchen Dosierungen genommen hatten. Am Ende des Beobachtungszeitraums waren 808 Personen in der Zwischenzeit leider an Lungenkrebs erkrankt.

Bei den männlichen Benutzern hoher B12-Dosen von mehr als 55 Mikrogramm B12 bzw. Cobalamin pro Tag war der Anteil der Erkrankten etwa doppelt so hoch wie bei den männlichen Nicht-Benutzern. Bei den weiblichen Studienteilnehmerinnen war zwischen Benutzerinnen und Nicht-Benutzerinnen kein Unterschied in der Erkrankungsrate festzustellen. Leider wurde ab 55 Mikrogramm Tagesdosis nicht mehr weiter unterschieden. Man kann aber davon ausgehen, dass bei den hohen Dosen auch viele waren, die über 500 Mikrogramm am Tag lagen, da es in den USA viele Vitamin-B12-Präparate gibt, die 500, 1000 oder sogar 2000 Mikrogramm Cobalamin je Tablette enthalten und auf der Verpackung zur täglichen Einnahme empfohlen werden.

Nun kann man sich denken, dass unter den schätzungsweise 40.000 männlichen Personen der Kohorte nur eine sehr begrenzte Zahl von Benutzern hochdosierter Vitamin-B12-Supplemente war, da man üblicherweise schon einen Grund haben muss, diese zu nehmen, z.B. den, dass man sich vegan ernährt und ein Risiko für einen Vitamin-B12-Mangel vermeiden möchte. Gehen wir großzügig von zwei Prozent aus, so wären dies etwa 800 Männer gewesen. Insgesamt waren ja etwa 1 Prozent der teilnehmenden Personen an Lungenkrebs erkrankt und vermutlich dürfte dies auch ungefähr der Erkrankungsrate unter den männlichen Nicht-Benutzern von B12-Supplementen entsprechen. Damit die Erkrankungsrate unter den 800 männlichen Hochdosis-Benutzern doppelt so hoch lag wie bei den Nicht-Benutzern, hätten also 16 von ihnen erkrankt sein müssen.

Wie man schon sieht, läuft dies auf eine sehr kleine Zahl von Individuen hinaus und es wäre auch denkbar, dass unter den männlichen Benutzern hochdosierter Vitamin-B12-Supplemente einfach durch Zufall eine größere Zahl von Pechvögeln in Bezug auf Lungenkrebs war. Auf diese Möglichkeit wurde auch von verschiedenen Experten wie Dr Kourosh Ahmadi von der Surrey University und Professor Paul Pharoah von der Cambridge University hingewiesen. (http://www.independent.co.uk/news/science/vitamin-b-lung-cancer-supplement-link-risk-b6-b12-a7907026.html) Es sollen weitere Studien folgen, um das genauer zu prüfen.

Dennoch sind die Ergebnisse dieser Studie für verantwortungsvolle Veganerinnen und Veganer, die ja allesamt wissen, das sie B12 supplementieren sollen, nicht einfach völlig auf die leichte Schulter zu nehmen.

Es könnte eventuell sinnvoll sein, von den ganz hohen Dosierungen ab 500 Mikrogramm Cobalamin pro Tag abzugehen. (Die ich in vergangenen Beiträgen auf diesem Blog noch als sicher und vorteilhaft eingeschätzt habe.) Mittlerweile bekommt man in Reformhäusern sehr gute vegane sublinguale Vitamin-B12-Tabletten, die jeweils 500 Mikrogramm Cobalamin enthalten. Wenn man davon beispielsweise nur eine pro Woche nehmen könnte, ohne einen Vitamin-B12-Mangel auszubilden, hätte man nicht nur Geld gespart, sondern möglicherweise auch sein Risiko reduziert, irgendwann einmal an Lungenkrebs zu erkranken.

Ich selbst bevorzuge ja die B12-Supplementierung über die B12-Zahncreme von Santé. Diese war zwischenzeitlich aus dem Handel genommen wurden, da der auf den ursprünglichen Verpackungen erhobene Anspruch, dass diese Zahncreme einem B12-Mangel vorbeugen könne, aus werberechtlicher Sicht wohl so nicht mehr gemacht werden durfte. (Dazu, was diese Zahncreme im Hinblick auf B12 leistet, hatte ich hier bereits einen Beitrag geschrieben.) Auf einer Internet-Seite der Naturkost-Firma Rapunzel habe ich die Aussage gefunden, wonach die Santé-B12-Zahncreme 100 Mikrogramm Cobalamin je Gramm enthalte. Da eine Tube 70 Gramm Zahnpasta enthält, wären dies 7000 Mikrogramm bzw. 7 Milligramm je Tube. Bei mir reicht eine Tube etwa 3 Monate. Wenn ich also davon ausgehe, dass etwa die Hälfte meiner Zahnpasta schlussendlich im Waschbecken landet und nur die andere Hälfte im Magen, komme ich damit auf eine Tagesdosis von etwa 7000/90/2 mithin ungefähr 39 Milligramm. Damit konnte ich bisher meinen B12-Serum- und auch meinen Holo-TC-Wert (siehe unten) in einem Bereich halten, der auf eine ausreichende Versorgung hindeutet.

Ob man ausreichend mit Vitamin B12 versorgt ist, kann man übrigens mittlerweile durch einen über Internet bestellbaren Selbsttest auf Holo-TC (Holotranscobalamin) herausfinden, so dass man sich die Terminvergabe und langes Warten im Wartezimmer seines Hausarztes sparen kann.  So kann man auch für sich persönlich die Dosierung herausfinden, mit der man einem Mangel vorbeugen kann ohne dabei unnötig viel zu aufzunehmen.

Der Holo-TC-Wert gilt ja mittlerweile als der Goldstandard für die Feststellung einer ausreichenden Versorgung mit Vitamin B12, während man früher zunächst den Serum-B12-Wert ermittelte, der jedoch auch inaktives B12 einschließen kann, und damit nicht so aussagekräftig ist. (Da bei einem ernsten B12-Mangel der Homocystein-Wert steigt, konnte dieser mit ermittelt werden, um einen solchen zumindest definitiv auszuschließen.) Eine andere Methode bestand in der Mittermittlung des Methylmalonsäure-Wertes über eine Urinprobe. Der Holo-TC-Wert hat all diese Probleme nicht, da er sowohl sehr sensitiv als auch sehr spezifisch ist, d.h. er zeigt einen vorhandenen Mangel mit großer Wahrscheinlichkeit richtig an und gibt andererseits nur sehr selten falschen Alarm, wenn kein Mangel vorliegt.

Dienstag, 31. Oktober 2017

Rückenschmerzen durch Arteriosklerose

Hockender, gekrümmter Mann, symbolisch von Seilen in seiner Position gefesselt


Ein im deutschsprachigen Teil des Internets praktisch nicht vorhandenes (oder zumindest kaum auffindbares) Thema ist der Zusammenhang zwischen Arteriosklerose einerseits und Rückenschmerzen, inbesondere des unteren Rückens, andererseits.

Jahrzehntelang galt das Paradigma, dass sich die Bandscheiben, also die knorpelartigen Pufferelemente zwischen den Rückenwirbeln, bei den Menschen im Laufe ihres Lebens einfach immer weiter abnutzen. Man glaubte, dass man diesen Prozess durch rückenschonende Verhaltensweisen -- z.B. beim Heben schwerer Gegenstände oder bei sitzenden Tätigkeiten-- allenfalls verlangsamen könne. Ich selbst kann mich an eine Ergonomie-Schulung vor etwa 20 Jahren durch meinen damaligen Arbeitgeber erinnern, bei der es so dargestellt wurde.

Inzwischen ist man auch hier schlauer, doch wie gesagt findet man dazu kaum etwas auf deutsch, was darauf hindeutet, dass das neue Wissen selbst bei deutschen Orthopäden noch nicht allzu verbreitet ist.

Zahlreiche Studien belegen nämlich, dass die sogenannte Degeneration der Bandscheiben meistens eine Folge unzureichender Durchblutung der sie umgebenden Blutgefäße ist, die selbst wiederum die Folge fortschreitender Arteriosklerose ist. Dazu sollte man wissen, dass die knorpeligen Bandscheiben selbst nicht von Blutgefäßen durchzogen werden, sondern dass stattdessen Blutgefäße um die Bandscheiben herumführen. Die Nährstoffe, die von den Zellen dieses Knorpelgewebes benötigt werden, können sie nur durch Diffusion erreichen, also dadurch, dass diese aus dem umliegenden, durchbluteten Gewebe in die Knorpelzellen einwandern. Sind nun also die Rückenarterien in dem umliegenden Gewebe verengt und durch Ablagerungen verstopft, so können umso weniger Nährstoffe die Zellen der Bandscheiben erreichen und umso eher "verhungern" diese und bauen sich ab. Die Blutgefäße, welche die Bandscheiben umfließen, sind übrigens Abzweigungen der Bauchaorta, die selbst Teil der Aorta, also der zentralen und größten Schlagader des menschlichen Körpers ist.

Eine 25-Jahre-Nachfolgestudie zur Framingham Heart Study  kommt zu der Schlussfolgerung, dass fortgeschrittene Arteriosklerose dieser Bauchaorta, die sich in Form von Kalzifikationen (Verkalkungen) der hinteren Wand zeigt, das Risiko für Bandscheibendegenerationen erhöht und mit dem Auftreten von Rückenschmerzen assoziiert ist. (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9253101)

Eine Studie von Leena Kauppila aus dem Jahr 2004 untersuchte die Bauchaorten und die Cholesterinwerte von  51 Patientinnen und Patienten, die seit langem unter nicht-spezifischen Schmerzen des unteren Rückens litten. (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15454707) Über drei Viertel von ihnen wiesen Verengungen der Arterien auf, die den unteren Rücken mit Blut versorgen. Bei Autopsiematerial von Menschen entsprechenden Alters fanden sich hingegen nur bei etwa 30 Prozent solche Verengungen, wobei ja nicht einmal gesagt ist, ob und wie viele der Körperspenderinnen und -spender zu Lebzeiten beschwerdefrei gewesen sein mögen. Die Degeneration der Bandscheiben war auch hier mit dem Verschluss der rückenversorgenden Arterien assoziiert. Während Patientinnen und Patienten mit verengten Arterien oder signifikanter Bandscheibendegeneration keine schlimmeren Beschwerden beklagten die als anderen, klagten doch solche mit erhöhten LDL-Cholesterinwerten häufiger über schwere Schmerzen.

Und schon im Jahr 1999 kam eine andere Studie aus Finnland zu der Schlussfolgerung, dass eine signifikante Assoziation zwischen Plaques an den Wänden der Bauchaorta und Schmerzen des unteren Rückens besteht, wobei diese Plaques bereits als Vorstufe der oben erwähnten Kalzifikationen auftreten. (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10543002)

Eine eindrucksvolle Präsentation von Leena Kauppila mit erschreckenden Bildern von verfetteteten und entzündeten Baucharterien findet man (auf English) hier: http://pcrm.org/sites/default/files/pdfs/Leena-Kauppila.pdf

Was sind nun die praktischen Schlussfolgerungen? Nun, wer die Arbeit von Dr. Esselstyn oder meine Berichte darüber auf diesem Blog kennt, weiß bereits, dass Arteriosklerose eine Folge falscher, nämlich tierproduktelastiger und fettreicher Ernährung ist und mit einer vollwertig pflanzlichen Ernährung ohne extrahierte Pflanzenfette vollkommen vermeidbar ist. (http://dresselstyn.com/JFP_06307_Article1.pdf)

Dies spricht dafür, dass diese Ernährung in vielen Fällen nicht nur das Risiko für Herzinfarkte und ischämische Schlaganfälle auf praktisch Null senken kann, sondern auch viele Menschen mit chronischen Schmerzen des unteren Rückens von dieser Ernährung profitieren könnten und viele andere vor solchen Schmerzen für die Zukunft schützen könnte.

Natürlich ist die gegenwärtige westliche Ernährung ebenso wie die entgegen aller Wissenschaft populäre Low-Carb-Ernährung ungefähr das Gegenteil einer vollwertig pflanzlichen und fettarmen Ernährung. Sie ist reich an Tierprodukten, entsprechend reich an gesättigten Fetten und wird überdies oft noch um extrahierte Pflanzenfette zum Beispiel in Form von Frittierfett "bereichert". Da wundert es nicht, das bereits zehn Prozent der Zwanzigjährigen fortgeschrittene Blockaden der Rückenarterien aufweisen. (http://www.ejves.com/article/S1078-5884%2809%2900090-2/fulltext)

Eine proteinreiche Low-Carb-Ernährung erhöht nachweislich Arterienablagerungen um 40 bis 50 Prozent, und dies gegenüber der ohnehin schon nicht arterienfreundlichen westlichen Standardernährung. (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11108325)

Also: Auch Rückenschmerzen können ein Wecksignal des Körpers sein, statt auf Tierprodukte auf vollwertige pflanzliche Nahrungsmittel zu setzen! (Und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind es fast immer.)

Quellen:

http://www.practicalpainmanagement.com/meeting-summary/link-between-atherosclerosis-degenerative-disc-disease

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19328027

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10543002

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9253101

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15454707

http://robertbeckmd.com/Degenerative_Disc_Disease_and_Atherosclerosis.html

http://www.ejves.com/article/S1078-5884%2809%2900090-2/fulltext

http://dresselstyn.com/JFP_06307_Article1.pdf

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11108325

Sonntag, 24. September 2017

Denkaufgabe für Nicht-Veganer: Benenne das Merkmal!

Fragezeichen auf Spirale
Beim Binge-Watching von YouTube bin ich in einem Video von dem sehr sympathischen Paar "Those annoying Vegans" (also etwa "Diese nervenden Veganer") über eine Denkaufgabe an Nicht-Veganer gestoßen, die ich in der Form noch nicht kannte. Ich hatte ja schon einmal in einem vorherigen Beitrag kundgetan, dass für mich die ultimative ethische Begründung für den Veganismus die ist, dass man aus Persönlichkeiten keine Wurst machen sollte bzw. auch nicht durch seine Einkäufe den Auftrag dazu erteilen sollte, dass aus Persönlichkeiten Wurst gemacht wird.

Die erwähnte Denkaufgabe kommt nun als etwas philosophischere und theoretische Begründung daher, eignet sich aber gut, um Tierverbraucherinnen und Tierverbraucher einmal richtig in's Grübeln zu bringen. Ich versuche sie hier mal in meinen eigenen Worten wieder zu geben:

Benenne das Merkmal von Menschen, welches nicht-menschliche Tiere nicht aufweisen, und welches die Tötung von Menschen rechtfertigen würde, wenn sie es auch nicht aufwiesen.
Denn es ist ja so, dass auch Tierverbraucherinnen und Tierverbraucher zu nahezu hundert Prozent ebenfalls überzeugt sind, dass das Töten von Menschen im Normalfall nicht gerechtfertigt ist. Es gibt nur wenige Ausnahmefälle, in denen z.B. ein schwer leidender Mensch um Sterbehilfe bittet, wo man von einem gerechtfertigten Töten sprechen könnte und selbst diese sind -zumal unter religiösen Menschen- sehr umstritten. Und auch in Extremfällen, wo das Töten eines Menschen Voraussetzung für das Überleben eines anderen ist (es gibt da ja diesen bekannten Fall von Überlebenden eines Flugzeugabsturzes in den Anden), würden die weitaus meisten Ethiker sagen, dass zwar vielleicht ein Mensch sich für andere opfern darf, dass aber niemand einen anderen Menschen für sich opfern darf.

Trotzdem machen sich Tierverbraucherinnen oder Tierverbraucher kaum Gedanken darüber, was ihnen denn das Recht gibt, mit Tieren anders zu verfahren und sie nicht nur in extremen Ausnahmesituationen zur Sicherung des eigenen Überlebens oder zur Erlösung von unerträglichem Leiden zu töten oder töten zu lassen, sondern für so etwas ganz Banales und Verzichtbares wie ein bisschen Gaumenfreude, die man sich ja auch aus pflanzlichen Lebensmitteln verschaffen kann, nur vielleicht nicht genau mit dem Geschmack, der Textur und der Sensorik von einem Teil eines Tierkörpers.

Dann müsste es ja ein entscheidendes Merkmal geben, das diese unterschiedliche Behandlung von Tieren und Menschen in dieser für sie jeweils lebensentscheidenden Weise begründen kann. Und dieses Merkmal kann nicht nur einfach sein: "Ja das sind eben Tiere, und wir sind eben Menschen". Das wäre zirkulär, so wie wenn man sagte: "Du schuldest mir ein Bier, weil Du mir ein Bier schuldest". Es fehlt dann immer noch die wirkliche Begründung.

Interessanterweise wird wohl niemand ein solches entscheidendes Merkmal benennen können: Ja Tiere können z.B. nicht sprechen und Bücher schreiben, aber ist diese Fähigkeit von Menschen die entscheidende, warum wir ihnen ein Recht auf Leben zugestehen? Wohl kaum, denn es gibt natürlich auch Menschen, die aufgrund von Entwicklungsstörungen oder Gehirnschäden nicht sprechen und schon gar keine Bücher schreiben können. Und natürlich würden wir es dennoch nicht für gerechtfertigt halten, diese Menschen zu töten. Dies können also nicht die entscheidenden Merkmale zur unterschiedlichen Behandlung von Mensch und Tier sein.

Es sieht eher so aus, dass der Grund, warum wir anderen Menschen einen besonderen rechtlichen und moralischen Schutz zugestehen, ihre Empfindungsfähigkeit oder ihre Bewusstseinsfähigkeit ist, aber die weisen eben auch Tiere auf. Das war zwar noch bis in das letzte Jahrhundert hinein umstritten, inzwischen hat die neurologische Forschung jedoch so große Fortschritte gemacht, dass wir nun wissen, dass die Hirnareale, die bei uns für das Bewusstsein eine Rolle spielen, auch bei höher entwickelten Tieren einschließlich Fischen, Vögeln, Reptilien und anderen Säugetieren vorhanden sind. Akzeptiert man die Evolution als Tatsache (und das ist sie), dann evolvieren auch kognitive Fähigkeiten und dann haben sich die kognitiven Fähigkeiten von Menschen einschließlich ihrer Bewusstseins- und Empfindungsfähigkeit aus denen  nicht-menschlichen Tieren entwickelt, die nur graduell aber nicht grundsätzlich von unseren verschieden sind. Dies haben zahlreiche renommierte Kognitionsforscher, Neurophysiologen, -pharmakologen, -anatomen und -informatikern am 7. Juli 2012 in der Cambridge Declaration on Consciousness festgehalten. Bei der Unterzeichnung dieser Erklärung war übrigens auch der eigentlich fachfremde Professor Stephen Hawking anwesend.

Über eine interessante Reddit-Diskussion zum Thema konnte ich dann noch erfahren, dass diese Denkaufgabe unter Philsophen auch als "Argument aus Grenzfällen" (argument from marginal cases) bekannt ist und dass einer von ihnen, Daniel A. Dombrowski, ein ganzes Buch dazu verfasst hat: "Babies and Beasts: The Argument from Marginal Cases". Die Reddit-Diskussion ist zwar mit "'Benenne das Merkmal' versagt als Argument" betitelt, aber gleich die erste Antwort stellt eben klar, dass diese Aufgabe keineswegs als Argument versagt und dass bisher auch kein Philosoph ein Merkmal benennen konnte, welches diese extrem ungleiche Behandlung von Menschen einerseits und nicht-menschlichen Tieren andererseits (nämlich rechtlicher und moralischer Schutz des Lebens auf der einen Seite, und freie Verfügung über das Leben anderer für reine Genussfreuden auf der anderen) rechtfertigen könnte.

Wesentlich wahrscheinlicher ist doch, dass Menschen verdeckte Eigeninteressen ("Fleisch schmeckt mir") haben, die sie in ihr Urteil darüber, was akzeptabel ist und was nicht, einfließen lassen. Nur sind Eigeninteressen eben kein ethisches Argument und stehen im Gegenteil einer unvoreingenommenen ethischen Betrachtungsweise meist im Wege. Das hier vorgebrachte Argument zeigt letztlich die ethische Inkonsistenz des Handelns der meisten Menschen, ganz ähnlich wie auch Melanie Joy es mit dem Begriff des "Karnismus" gezeigt hat, indem sie darauf hinwies, dass Menschen sogar beim Umgang mit bewusstseinsfähigen Tieren große, durch nichts gerechtfertigte Unterschiede machen: Die einen, nämlich Haustiere wie Hunde und Katzen, werden als schützens- und liebenswerte Persönlichkeiten anerkannt, während andere wie Schweine, Rinder und Hühner als reine Produktionsfaktoren für Fleisch, Milch und Eier behandelt werden.

Also falls Sie, werte Leserin, werter Leser, doch das entscheidende Merkmal benennen können, lassen Sie es mich bitte wissen. Ihnen wäre dann etwas gelungen, was keinem professionellen Ethiker bisher gelungen ist.