Sonntag, 29. April 2018

Restaurants: Nach vielen Jahren Vegan-Trend immer noch ein Minenfeld

Normalerweise suche ich aus eigenem Antrieb ja nur noch vegane Restaurants auf, einfach weil vegane Restaurants jede Unterstützung verdienen. Wenn ich auswärts essen gehe, bin ich auch bereit, mal ausnahmsweise mit Pflanzenöl zubereitete (vegane) Speisen zu essen, wobei ich dann immer darauf achte, dass es sich um Speisen handelt, bei denen das Öl zum anfänglichen Andünsten von Zwiebeln und Knoblauch verwendet wird, und nicht um eine Hauptzutat wie z.B. bei Frittiertem. Oft messe ich dann im Nachhinein meinen Cholesterinwert und kann in aller Regel einen kurzzeitigen Anstieg auf einen Wert von über 150 mg/dl feststellen, also über die Schwelle, die den Unterschied zwischen sicherem und unsicherem Bereich in Bezug auf Herzinfarkt darstellt.

Manchmal wird man jedoch zu Familienfeiern in ein Restaurant eingeladen und kann dieses dann natürlich nicht selbst aussuchen. Gestern war es bei mir wieder soweit: Es ging aus Anlass der Konfirmation einer Nichte in ein Restaurant französischen Stils in Köln-Ehrenfeld. Und wieder war ich erstaunt, dass man nach so vielen Jahren eines doch spürbaren Trends hin zu einer pflanzenbasierten bzw. veganen Ernährung in den Speisekarten fast aller nicht-veganen Restaurants immer noch nur eine Rubrik "Vegetarisch" findet, worunter manches aufgeführt ist, das vegan sein könnte oder aber auch nicht. Diese Unsicherheit ist völlig unnötig, wenn Restaurants den doch wirklich sehr überschaubaren Aufwand leisten würden, vegane Speisen auch als solche zu kennzuzeichnen bzw. bei leicht veganisierbaren Speisen auch die vegane Option als solche anzubieten. Doch in der Gastronomie scheint weiter das Motto zu gelten: Je mehr Tierisches, desto besser, und es wird ohne Rücksicht auf Verluste bei Tieren, Umwelt und Gesundheit die Völlerei befördert als ob es kein Morgen gäbe. Als ethischer Veganer steht man dann vor dem Problem, seinen Mund halten zu müssen, wenn Menschen, die man eigentlich schätzt und mag, direkt neben einem z.B. die Bestandteile von Babys (in dem Fall Lämmern) verschlingen. Von dem Leid und dem Schaden, den sie damit anrichten, wollen sie in dem Moment einfach nichts hören.

Ich bin es aber wirklich langsam leid, dass es Veganerinnen und Veganern immer noch so schwer gemacht wird. Auf Menschen, die aus religiösen Gründen irgendwelche Speisetabus einhalten, wird mehr geachtet (z.B. indem immer auch Fleischgerichte ohne Schweinefleisch angeboten werden), als auf Menschen, die aus nachvollziehbaren ethisch-rationalen Gründen mit ihrem Essverhalten möglichst wenig Leid für Tiere und möglichst wenig Schaden für die Umwelt verursachen wollen. Wie schwer kann es sein, mindestens eine sättigende vegane Option auf die Speisekarte zu setzen und diese als solche zu kennzeichnen? Der Unterschied dürfte psychologisch wohl der sein, dass diese ethisch-rationalen Gründe bei Licht betrachtet für alle gelten, während man sich religiöse Überzeugungen anderer Menschen leicht vom eigenen Leib halten kann, indem man einfach nicht an sie glaubt.

Ich rege daher an, dass möglichst alle Veganerinnen und Veganer, die sich mit diesem Problem herumärgern müssen, den Restaurants so lange (natürlich konstruktives und freundliches) Feedback geben, bis das Nicht-Anbieten einer veganen Option allgemein als die Unhöflichkeit anerkannt ist, die sie uns gegenüber de-facto darstellt.

Dem Restaurant von gestern habe ich über sein Kontaktformular jedenfalls Folgendes geschrieben:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich hatte gestern die Freude gemeinsam mit der Konfirmationsgesellschaft meiner Nichte Gast Ihres Restaurants zu sein. Vielleicht erinnern Sie sich: Ich war der Herr mit den veganen Sonderwünschen.

Erst einmal möchte ich mich dafür bedanken, dass Sie meinen Wünschen so bereit willig entgegen kamen. Dennoch möchte ich Ihnen gerne auch etwas konstruktives Feedback geben, damit Sie auch für künftige vegane Gäste ein vielleicht noch angenehmeres Besuchserlebnis ermöglichen können:

Nach mittlerweile neun veganen Jahren habe ich einen recht geschulten Blick für Speisekarten und welche der dort aufgeführten Speisen vegan sein könnten bzw. sich leicht durch Weglassen einzelner Bestandteile in eine vegane Version ändern lassen könnten. Leider gibt es dabei trotzdem immer gewisse Unsicherheiten: Ofenkartoffeln ohne Schmand sind z.B. für gewöhnlich vegan, jedoch nicht mehr, wenn Butter daran gegeben wird. Von den Ravioli wurde mir gestern gesagt, dass da doch auch nichts Tierisches dran sei, serviert wurden sie mir jedoch mit Käseraspeln und außerdem halte ich es im Nachhinein für wahrscheinlich, dass Teig oder Füllung wahrscheinlich auch Ei bzw. sogar weiteren Käse enthielten. Meiner Meinung nach sind die Süßkartoffel-Pommes mit der Tomaten-Aioli höchstwahrscheinlich von Haus aus vegan, doch aufgrund von Zweifeln bezüglich der Tomaten-Aioli sollte ich eine Variante mit Ketchup bekommen. Serviert wurde mir jedoch eine Variante mit Ketchup und Mayonnaise, die nun definitiv im Normalfall nicht vegan ist. Das Hummus war ausgesprochen lecker und vermutlich sogar wirklich vegan, zumindest wenn Ihr Haus sich da an eine der traditionellen arabischen Rezepturen hält. Restzweifel blieben jedoch auch hier, da ich einfach merkte, dass ihre Küche diesem Aspekt bisher keine besondere Aufmerksamkeit schenkt.

Hätte ich all das vorher gewusst, hätte ich vermutlich einfach drei Portionen Ofenkartoffeln ohne Schmand und ohne Butter gewählt und wäre voll und ganz zufrieden gewesen. (Die Kartoffeln waren wirklich auserlesen köstlich.) So jedoch bleibt mir die für mich unangenehme Vermutung, gegen meinen Wunsch Tierprodukte konsumiert zu haben.

Diese Unsicherheiten für Ihre veganen Gäste könnten Sie einfach beseitigen, indem Sie die veganen Speisen auf ihrer Karte als solche kennzeichnen bzw. bei den leicht veganisierbaren Speisen diese Option verdeutlichen. (Eben z.B. bei den Ofenkartoffeln.) Vegan ist übrigens das neue Vegetarisch (fragen Sie gerne beim früheren Vegetarierbund Vebu, heutiger ProVeg nach), da heutzutage die meisten wissen, dass auch für die Herstellung von Eiern und Milch letztlich Tiere getötet werden müssen, auch wenn deren Einzelteile wie bei den geschredderten Küken dann nicht auf dem Teller landen. Genau das, die Tötung von Tieren für das eigene Essen, wollen Vegetarier_innen ja vermeiden und verzichten deshalb häufig auch auf den Konsum anderer Tierprodukte als nur Fleisch.

Eine bloße Rubrik "Vegetarisch" hat daher für viele gar keinen Nutzen mehr, eine Kennzeichnung von veganen Speisen hat diesen hingegen sehr wohl. (Abgesehen davon sind vegane Speisen gleichzeitig auch immer halal und koscher und sind von daher auch für Gäste interessant, die aus religiösen Gründen bestimmte Tierprodukte oder Kombinationen von Tierprodukten vermeiden wollen. Interessanterweise beziehen sich die religiösen Speisetabus ja immer auf Tierprodukte.)

Dies ist wie gesagt als gut gemeinte Anregung zu verstehen. Wie man an den Gästezahlen gestern sehen konnte, hätten sie es nicht einmal nötig auf Sonderwünsche einzugehen. Aber sicher werden Sie häufig von größeren Gästegruppen besucht, und da wird immer mal wieder eine Veganerin oder ein Veganer darunter sein, die oder der (wie ich) von sich aus die tierproduktlastige französische Küche eher meidet. Mit wenig Aufwand könnten Sie auch diesen kleinen Teil ihrer Gäste positiv überraschen und für sich gewinnen.

Mit freundlichem Gruß
Hauke Dressel

Freitag, 30. März 2018

Low-Carb- und Paleo-Märchen 2: Der Cholesterinwert sagt nichts über das Herzinfarktrisiko aus

Das Märchen:
Es war einmal ein Land, in dem lebten ein paar Millionen Menschen. In diesem Land bekamen jedes Jahr viele Tausend Menschen plötzlich und unerwartet einen Herzinfarkt und über ein Drittel derjenigen, die es erwirschte, starben daran. Wenn der Gestorbene prominent war, wie z.B. ein Sänger namens Udo Jürgens, ein Publizist namens Frank Schirrmacher oder ein Schauspieler namens Ulrich Pleitgen, zeigten sich ihnen nahe stehende Menschen in den Medien immer erschüttert und fassungslos.

Wissenschaftler und Mediziner versuchten die Gründe dafür herauszufinden und stellten eine gewagte Theorie auf: Vielleicht erhöht ja ein hoher Cholesterinwert das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden? Sogleich wurden Statistiken erstellt: Es wurde geschaut, welche Cholesterinwerte die verstorbenen und die überlebenden Herzinfarktpatienten vor dem Schicksalsschlag hatten und diese Werte wurden mit denen von Menschen verglichen, die noch nie einen Herzinfarkt hatten. Doch dabei kam heraus, dass ein Drittel der Opfer eines Herzinfarktes einen niedrigen Cholesterinwert von unter 200 mg/dl gehabt hatten, also sogar 30 mg/dl besser als der durchschnittliche Wert von 230 mg/dl der Menschem im Lande. Damit war bewiesen, dass der Cholesterinwert nichts über das Herzinfarktrisiko aussagt. Die Menschen waren beruhigt, aßen wie bisher weiter viel Speck, Eier, Butter und Käse und wenn sie nicht ans Herzinfarkt gestorben sind, dann wird es vielleicht noch passieren.

Die Wahrheit:

Das Argument, ein Drittel aller Herzinfarktopfer habe einen niedrigen Cholesterinwert, hängt an der Definition von "niedrig". In einer Gesellschaft, in der der durchschnittliche Cholesterinwert bei 230 mg/dl liegt, mag ein Wert unter 200 mg/dl niedrig erscheinen. Jedoch lagen die Cholesterinwerte von Menschen in den ländlichen Regionen Asiens oder Afrikas, wo vor der Ankunft von Industrienahrung viele stärkehaltige pflanzliche Grundnahrungsmittel wie Reis oder Maniok gegessen wurden, fast immer unter 150 mg/dl. Gleichzeitig kamen Herzinfarkte in diesen Regionen praktisch nicht vor. Neugeborene haben übrigens meist Cholesterinwerte unter 140 mg/dl.

Genauso gut könnte man sagen, die Hälfte aller Auffahrunfälle mit Todesopfern geschehen bei "niedrigen" Geschwindigkeiten, also hat die Fahrgeschwindigkeit eines Autos nichts mit dem Risiko eines tödlichen Auffahrunfalls auf ein anderes Auto zu tun. Die erste Aussage wäre sogar wohl richtig, wenn man als "niedrige" Geschwindigkeit z.B. alles unter 170 km/h definiert. Und man unterschlägt dann einfach, dass Fahrzeuge bei unter 70 km/h wirklich kaum Unfälle dieser Art verursachen. Jedenfalls sind die Raten tödlicher Autounfälle auf Autobahnen nun mal in solchen Ländern niedriger, in denen auf diesen eine Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h gilt.

Der Zusammenhang zwischen den Blut-Cholesterinwerten und dem Risiko für einen Herzinfarkt ist in hunderten von Bevölkerungsstudien nachgewiesen. Dabei spielt es nicht einmal eine Rolle, ob das Cholesterin im Blut ursächlich für Herzinfarkte ist, oder ob es lediglich ein Indikator für andere Faktoren ist, die zu einem Herzinfarkt führen können. Es gilt trotzdem: Je höher ihr Cholesterinwert, desto höher Ihr Risiko einen Herzinfarkt zu erleiden. Sollte Ihnen dieses Schicksal einmal widerfahren und sollten Sie aber das Glück haben, sich statt beim Bestatter nur im Krankenhaus wiederzufinden, so werden die Ärztinnen und Ärzte mit Ihnen keine Diskussion über die Schädlichkeit oder Unschädlichkeit hoher Cholesterinwerte beginnen. Sie werden Ihnen einfach Cholesterinsenker verschreiben und fertig, und zwar völlig im Einklang mit der wissenschaftlichen Studienlage.

Die gute Nachricht: Hohe Cholesterinwerte sind ebenso wenig ein unabwendbares Schicksal wie ein Herzinfarkt. Wie Dr. Caldwell Esselstyn in mittlerweile zwei Studien gezeigt hat, können Sie mit einer vollwertig pflanzlichen Ernährung ohne extrahierte Pflanzenfette Ihr persönliches Risiko für einen Herzinfarkt gegen Null bringen. Zitat Dr. Esselstyn: "Koronare Arterienerkankungen sind ein zahnloser Papiertiger, der gar nicht existieren müsste und der -wo er existiert- nicht fortschreiten müsste." Wenn Sie diese Ernährungsweise nur einmal für drei Wochen ausprobieren, werden Sie feststellen, dass auch Ihre Cholesterinwerte ganz ohne Medikamente und deren unschöne Nebenwirkungen sinken und sinken.

Das Märchen von der fehlenden Aussagekraft von hohen Cholesterinwerten für das Herzinfarktrisiko ist genau das: Nur ein Märchen.

Samstag, 17. Februar 2018

Low-Carb- und Paleo-Märchen 1: Der abnehmende Fettkonsum und seine schrecklichen Folgen




Das Märchen:
In den USA waren einst, d.h. vor über 50 Jahren, die Mächtigen der Zuckerindustrie in großer Sorge: Süßwaren aller Art wurden in der Öffentlichkeit für viele Übel wie Karies und Übergewicht verantwortlich gemacht und einige Studien legten nahe, dass Zucker nicht gesundheitsförderlich ist. Immer weniger Menschen wollten deshalb noch Waren mit Zucker kaufen und den Zuckerherstellern drohte Armut und Elend.

Da kamen sie auf eine schlaue Idee: "Lasst uns doch eigene gefälschte Studien in Auftrag geben, die dem Fett in der Nahrung die Schuld für die Krankheiten der Menschen geben. Dann meiden sie Fett und weil sie ja dennoch Nahrung brauchen, kaufen sie wieder umso mehr Lebensmittel, die zwar fettarm aber voll mit Zucker sind." Und so geschah es.

Die Menschen glaubten plötzlich, dass sie ohne Probleme alles essen könnten, wenn es nur fettarm sei. Viele Produkte wurden seither als "fettarm" angepriesen und die Menschen aßen insgesamt immer weniger Fette und dafür umso mehr Kohlenhydrate. Gleichzeitig stieg ihr Körpergewicht und sie bekamen immer häufiger Zivilisationskrankheiten wie Diabetes und Herzinfarkt. Und wenn sie nicht inzwischen dadurch gestorben sind, leiden sie immer noch daran.

Die Wahrheit:
Ob die Zuckerindustrie in den USA oder anderswo Studien in ihrem Sinne gekauft oder beeinflusst hat, will ich hier nicht beurteilen. Leider ist es so, dass die verschiedensten Lebensmittel-Industrien Studien fördern, deren Ergebnisse dann so interpretiert werden, als seien genau die Produkte dieser Industrie unbedenklich oder sogar gesundheitsförderlich, die Produkte der Konkurrenz-Industrien hingegen gesundheitsschädlich. Die Fleisch-, Milch- und Eierindustrien sind dabei besonders notorische Studienfälscher, wie ich schon in einigen Beiträgen auf diesem Blog belegt habe.

Seit den Fünfziger Jahren haben jedoch tausende von Studien einen unzweifelhaften Zusammenhang zwischen einem hohen Konsum von Nahrungsfetten, insbesondere gesättigten Fetten einerseits und dem Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten andererseits nachgewiesen. Es gibt sogar eine Formel, die Hegstedt-Gleichung, die angibt, um wieviel Prozent der Cholesterinwert eines Menschen steigt, wenn er so und so viel Prozent mehr gesättigte Fette mit der Nahrung aufnimmt. Diese Formel kann jeder Mensch, der seinen Konsum an gesättigten Fetten und seine Cholesterinwerte messen kann, an sich selbst überprüfen und sie stimmt einfach. Ebenso stimmt es einfach, dass das Risiko eines Menschen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt, wenn seine Cholesterinwerte steigen. Diese Zusammenhänge sind auch durch zig Studien nachgewiesen, die von unabhängigen Forschungseinrichtungen initiiert und durchgeführt wurden und bei denen die Zuckerindustrie ihre Finger daher nicht im Spiel hatte.

Sicher ist Zucker kein vollwertiges Nahrungsmittel. Es liefert nur leere Kalorien ohne Ballaststoffe oder Mikronährstoffe wie Mineralien, Spurenelemente oder Vitamine. Schon dadurch dürfte er der Gesundheit eher abträglich sein. Nur heißt das im Umkehrschluss eben nicht, dass ein hoher Konsum an Fetten nicht ebenfalls gesundheitsschädlich ist.

Fakt ist, dass die Menschen in den vergangenen Jahrzehnten, in denen sowohl Übergewicht wie auch Wohlstandskrankheiten wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu einer immer größeren Epidemie geworden sind, der Fettkonsum nicht gesunken, sondern gestiegen ist. Dies geht aus Kapitel 3 eines Welternährungsberichts der WHO, also der Weltgesundheitsorganisation der UNO, unzweifelhaft hervor: "Globale und regionale Muster und Trends im Nahrungsverbrauch".

Dort kann man in Tabelle 3 sehen, dass in den Jahren 7 bis 9 eines jeden Jahrzehnts seit den Sechziger Jahren der Fettkonsum sowohl in den Ländern der Europäischen Union als auch in Nordamerika kontinuierlich gestiegen ist. Wenn es jemals einen "Low-Fat"-Trend gegeben haben sollte, hat er in den westlichen Industrieländern jedenfalls nicht zu niedrigerem Fettkonsum geführt. Im Gegenteil kann ich aus eigener Lebenserfahrung bestätigen, dass seit den Siebziger Jahren immer mehr Junk-Food aufkam, das wie Pizza, Hamburger und Pommes alles andere als fettarm ist. Wie auf Seite 19 des WHO-Papiers zu lesen ist, sind die wohlhabenden westlichen Länder sogar die einzigen, in denen mehr als 10 Prozent der Nahrungsenergie aus gesättigten Fetten stammen. Und es sind auch die Länder mit den höchsten Erkrankungsraten für Herzinfarkt und Diabetes. Wie man nun also darauf kommen kann, dass Low-Fat verantwortlich für diese Krankheiten sein soll, wissen wohl nur die Low-Carb- und Paleo-Märchenerzähler.

Eher ist es ja so, dass ja für Low-Carber und Paleos die "Carbs", also Kohlenhydrate an allen ernährungsbedingten Malaisen schuld sein sollen, unabhängig davon, ob sie aus Junk-Food wie Pommes oder aus vollwertigen Pflanzenteilen wie Kartoffeln stammen. Dafür muss dann umgekehrt jedwedes Nahrungsfett von aller Schuld frei gesprochen und "Low-Fat" entsprechend zu einem gefährlichen Irrweg erklärt werden. Nur so lassen sich ja z.B. Speck und Eier entgegen aller wissenschaftlichen Evidenz zu gesundheitsförderlichen Lebensmitteln erklären.

Das Märchen 1 vom abnehmenden Fettkonsum in den westlichen Ländern ist damit widerlegt.

Sonntag, 7. Januar 2018

Frohes Neues Jahr mit vollwertig pflanzlicher Ernährung

Allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs wünsche ich ein frohes neues Jahr 2018 und viel Gesundheit dank vollwertig pflanzlicher Ernährung.

Ich beziehe kaum E-Mail-Newsletter, da ich nur wenige gefunden habe, die wirklich regelmäßig interessante und relevante Informationen liefern. Ein Newsletter, der mir wirklich immer wieder neue Erkenntnisse bringt und den ich deshalb freitags immer kaum erwarten kann, ist der ProVegan-Newsletter von Dr. med. Walter Henrich. In der jüngsten Ausgabe macht Dr. Henrich gleich auf zwei neue Studien aufmerksam, die wieder einmal die gesundheitlichen Vorteile einer vollwertig pflanzlichen Ernährung ohne Tierprodukte aufzeigen.

Die eine ist in einem Journal erschienen, das bezeichnenderweise einfach nur "Prostate", also "Prostata" heißt: Milk and other dairy foods in relation to prostate cancer recurrence: Data from the cancer of the prostate strategic urologic research endeavor (CaPSURE™). In ihr wurden über 1000 Männer mit (noch) nicht-metastasierendem Prostatakrebs über einen Zeitraum von durchschnittlich 8 Jahren beobachtet. Es zeigte sich, dass der Konsum von Vollmich signifikant mit einem erhöhten Risiko für ein aggressives Fortschreiten des Krebses einherging. In dieser Studie wurde zwar kein Zusammenhang zwischen dem Konsum von fettarmer Kuhmilch und dem Risiko für ein Fortschreiten festgestellt, doch gibt es ja bereits mehrere Dutzend Studien, die belegen, dass der Konsum von Milchprodukten in verschiedenster Form einen Risikofaktor für das Auftreten und Fortschreiten von Prostatakrebs darstellt.

Die DGE, deren wissenschaftliche Beiräte in den verschiedenen Bundesländern mit Vertreter_innen der Milchwirtschaft durchsetzt sind, versucht das ja beharrlich zu ignorieren und empfiehlt aller Evidenz zum Trotz weiterhin den Konsum von etwa einem Viertel Liter Milch oder entsprechender Milchprodukte am Tag. Sie begründet das mit den guten Inhaltsstoffen wie Kalzium und dem in ein paar Studien gezeigten geringeren Risiko für Darmkrebs durch Milchprodukte. Dabei wird jedoch unterschlagen, dass man zum einen die guten Inhaltsstoffe der Milch allesamt auch aus pflanzlichen Lebensmitteln bekommen kann (wie z.B. Kalzium aus Spinat und anderem grünen Blattgemüse) ohne damit sein Prostatakrebsrisiko zu erhöhen. Und zum anderen zeigt ein weltweiter Vergleich der Darmkrebsvorkommen, dass dieses im milchverzehrenden Westeuropa mit 13 Prozent höher liegt als in Ost- und Südostasien mit jeweils 10 Prozent oder weniger, obwohl dort praktisch keine Milchprodukte konsumiert (und auch gar nicht vertragen) werden. Es wäre also eine reichlich dumme Idee sich als Mann durch den Verzehr von Milchprodukten ein geringeres Darmkrebsrisiko mit einem erhöhten Risiko für Prostatakrebs erkaufen zu wollen. (Dem Prostatakrebs entspricht bei Frauen übrigens der Eierstockkrebs, nur ist dessen Zusammenhang mit dem Verzehr von Milchprodukten bisher nicht ganz so gut erforscht.) Stattdessen sollte man lieber nach Asien sehen und prüfen, welche der dortigen Lebensstilfaktoren dort zu dem vergleichsweise geringeren Auftreten von Darmkrebs beitragen. Ein heißer Anwärter dürfte der höhere Anteil von Pflanzenkost und den darin enthaltenen Ballaststoffen sein.

Die andere im ProVegan-Newsletter erwähnte aktuelle Studie wurde im Dezember 2017 von Binita Shah, James Slater und anderen im Journal "Contemporary Clinical Trials Communications" veröffentlicht und bestätigt die Ergebnisse von Dr. Esselstyn: Eine vollwertig pflanzliche Ernährung unter Ausschluss von Tierprodukten liefert für Herzpatienten deutlich bessere Ergebnisse als die bisher von der Amerikanischen Herzgesellschaft AHA (American Heart Association) empfohlene Ernährung im "mediterranen" Stil mit geringen Mengen z.B. an Fisch und Geflügel. Insbesondere ein für Herzpatienten gefährlicher Entzündungsmarker, das Protein "HSCRP", war mit der veganen Ernährung gegenüber der "mediterranen" deutlich verringert, aber natürlich ebenso das schlechte Cholesterin LDL. (Doch, auch "fluffiges" LDL aus großen Teilen ist gefährlich, egal was Low-Carb- oder Paleo-Anhänger oder Cholesterinleugner dazu erzählen.) Wer also bisher noch Zweifel hatte, dass Dr. Esselstyn seine Studien vielleicht auch gefälscht haben könnte, und dass seine sensationelle, einfache und nebenwirkungsfreie Heilung von Herzerkrankungen vielleicht seiner bloßen Fantasie entsprungen sein könnte, kann diese Zweifel nun getrost ablegen.

Es geht also auch im neuen Jahr weiter damit, dass eine Studie um die andere die gesundheitlichen Gefahren von Tierprodukten und die gesundheitlichen Vorteile von pflanzlicher Ernährung zeigt. Dennoch treibt in den Medien gerade zum Jahresanfang, wo viele Menschen sich den Vorsatz des Abnehmes gefasst haben, wieder der gefährliche Low-Carb-Wahn sein Unwesen, durch den ja gerade viele pflanzliche Lebensmittel wie Kartoffeln und Getreide verteufelt werden und stattdessen Tierprodukte wie Fleisch, Eier, Milch und Käse Auftrieb bekommen. Ja, man kann mit Low-Carb-Ernährung abnehmen. Man kann auch mit Kokainkonsum abnehmen. Dennoch ist von beidem dringend abzuraten, wenn einem nicht nur das eigene Gewicht, sondern auch die eigene Gesundheit lieb und teuer ist. Bei genauem Hinsehen entpuppen sich all die scheinbaren wissenschaftlichen Grundlagen für eine Low-Carb-Ernährung als bloße Märchen und Statistik-Tricks, sogar dann, wenn sie sich als Studien in Wissenschaftsjournalen tarnen, die dann jedoch meist durch die Fleisch-, Milch- oder Eierwirtschaft finanziert und entweder gleich absichtlich falsch entworfen oder statistisch falsch ausgewertet oder interpretiert wurden. (Wie jüngst die Artikel im Lancet zur PURE-Studie.)

Da ich immer wieder zu einzelnen dieser Mythen und Märchen aus der Low-Carb-Ecke angesprochen oder angeschrieben werde, die es leider oft bis in Sendungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender schaffen, ist mein guter Vorsatz für dieses Jahr, dass ich eine Serie dazu machen und diese Märchen eines nach dem anderen entlarven werde. In diesem Sinne also noch einmal ein frohes neues Jahr!

Freitag, 29. Dezember 2017

Filmtipp: Cowspiracy

Filmcover "Cowspiracy"

Ich hatte mir den Dokumentarfilm "Cowspiracy" schon vor einiger Zeit als DVD gekauft, ihn dann aber erst mal lange liegen lassen. Als ich nun schon in der Woche vor Weihnachten frei hatte, nutzte ich die verfügbare Zeit endlich einmal, um ihn mir auch anzusehen.

Aufhänger des Films ist die Frage, warum eigentlich in den ganzen Klima- und Klimaschutzdebatten nie die Viehwirtschaft zur Sprache kommt, obwohl es amtlich ist, dass diese mehr klimaschädliche Gase verursacht als der gesamte Transportsektor zusammen genommen, einschließlich der weltweiten Luft- und Schifffahrt für Güter und Personen. Zwar schwanken die Schätzungen für den Anteil, den die Viehwirtschaft am Treibhauseffekt hat, zwischen 18 und 51 Prozent, je nachdem, wie das berechnet wird und ob man z.B. den klimaschädlichen Effekt der Rodung südamerikanischer Regenwälder für die Viehhaltung einbezieht oder nicht. Dass aber die Viehhaltung der Klimakiller Nr. 1 ist, ist und bleibt unstrittig. Bedenkt man nun noch, dass der Konsum von Tierprodukten im Gegensatz zur Auto- oder Zugfahrt zur Arbeit vollkommen verzichtbar ist, müsste jede seriöse Umweltschutzorganisation wie Greenpeace die Menschen und die Politik zuallererst dahin bringen, die Produktion tierischer Lebensmittel zu reduzieren und stattdessen pflanzliche Lebensmittel zu propagieren.

Der sympathisch naiv daher kommende Dokumentarfilmer Kip Anderson macht sich in diesem Film nun daran, dieser Frage nachzugehen und stößt auf eine Mauer des Schweigens. Letztlich führt wieder einmal der Spruch "Folge dem Geld" auf die richtige Spur, denn unabhängig davon, ob nun die Lobbygruppen der Tierindustrie die Unabhängigkeit von Umweltschutzorganisationen mit Spenden korrumpieren, oder ob die Umweltschutzorganisationen einfach Angst haben, mit Aufrufen zu wirksamen Lebensstiländerungen einen Großteil ihrer Privatspender zu vergrätzen: Es geht um's Geld und die Angst, es zu verlieren.

Natürlich werden in diesem Film noch verschiedenste andere Aspekte beleuchtet, z.B. der Umstand, dass die Viehhaltung in trockenen Landstrichen wie dem Südwesten der USA nicht nur der Haupt-Klimakiller, sondern auch der Haupt-Wasservergeuder ist.

Letztlich bringt der Film auch für schon informierte Menschen auf unterhaltsame, dabei jedoch auch erschreckende Weise viele neue Erkenntnisse. Manche nicht auf den ersten Blick offensichtliche Zusammenhänge werden mit anschaulichen Grafiken und Vergleichen leicht verständlich gemacht. Als populärer Dokumentarfilm spielt "Cowspiracy" damit in einer Liga mit dem Film "Eine unbequeme Wahrheit" von Al Gore, auf den Anderson sogar ausdrücklich Bezug nimmt, da dieser Film trotz seines Titels zwar die Wahrheit der menschengemachten Klimakatastrophe sehr gut verdeutlicht, dabei aber leider selbst die unbequeme Wahrheit unterschlägt, dass diese Klimakatastrophe zu einem sehr großen Teil auf das Konto des leicht verzichtbaren Konsums von Fleisch, Milch, Butter und Eiern geht.

Natürlich ist "Cowspiracy" wie alle Filme, die den Konsum von Tierprodukten hinterfragen, von interessierter Seite stark unter Beschuss genommen worden. Viele der im Film gemachten Aussagen wurden für reinen Unsinn erklärt, wie ja überhaupt alle Argumente für eine vegane Lebensweise immer gleich zu "veganer Propaganda" erklärt werden, und zwar unabhängig von ihrer sachlichen Gültigkeit. Die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt besteht nun einmal nach wie vor aus Tierverbraucherinnen und -tierverbrauchern und viele davon wollen alles abwehren, was ihre liebgewonnen Gewohnheiten in Frage stellt. Das ist erst einmal ein menschlicher und nachvollziehbarer Reflex. Eine Methode der Abwehr ist es dann halt, solche Menschen, die für einen Verzicht auf Tierprodukte plädieren, zu reinen Gefühlsduseln zu erklären, die eben aus ihrer Gefühlsduseligkeit heraus "Propaganda" für ihre Ziele betreiben. Dann sollen alle Argumente gegen den Tierverbrauch eben nur vorgeschoben sein und das einzig wahre Motiv dafür soll eben in dem Versuch liegen, "bloß" das Leiden von Tieren in der Tierindustrie zu verringern. (Und dieses Leiden wird dann entweder negiert oder der Verweis darauf als Argument für ungültig erklärt, weil er an das Gefühl apelliere und damit unsachlich sei.)

Nun trifft es sich, dass die Macher des Films diese Abwehr schon vorhergesehen haben und deshalb auf der zugehörigen Website für alle Aussagen im Film Belege und Quellen liefern. (Nämlich hier: http://www.cowspiracy.com/facts/) Das Argument einer veganen "Agenda", mit dem sich alle Argumente gegen den Tierverbrauch angeblich entkräften lassen, entpuppt sich damit selbst als logischer Fehlschluss.

Ich empfehle also jedem und jeder, sich diesen Film unbedingt anzusehen. Er handelt letztlich von der Zukunft der Menschheit auf diesem Planeten. Wer darin aus seiner oder ihrer Sicht ungültige Argumente findet, darf sie gerne hier und anderswo entkräften. (Oder es versuchen.)

Es gibt den Film nicht nur auf DVD zu kaufen, sondern wer ein Netflix-Abo hat, kann ihn wohl auch dort sehen. Bei der Suche nach dem Trailer auf YouTube habe ich festgestellt, dass man ihn gegen Einmal-Zahlung inzwischen auch dort sehen kann. Das scheint jetzt eine Neuerung auf YouTube zu sein, die ich etwas beunruhigend finde, da YouTube zu Google gehört und dieser Konzern mit seiner uneinholbaren Marktmacht immer mehr ein Monopol für sämtliche Angebote im Internet und teilweise sogar darüber hinaus aufbaut. (Ironie am Rande: Auch dieser Beitrag erscheint auf einer Blogging-Plattform, die zu Google gehört.) Ich empfehle also immer noch am ehesten den Kauf der DVD, da dies auch den Vorteil hat, dass man den Film an Freunde und Verwandte ausleihen kann. Wer aber den Preis von etwa 13 Euro nicht erübrigen möchte, kann ja auf ein Online-Angebot zurück greifen.