Samstag, 2. April 2016

Auch Hirninfarkt ist vermeidbar

Diese Woche machte der Tod des Musikers Roger Cicero Schlagzeilen, der im Alter von erst 45 Jahren durch einen "Hirninfarkt" mitten aus dem Leben gerissen wurde. Welch ein tragischer Verlust für seine Hinterbliebenen. Und auch die Fans seiner Musik trauern um den Künstler und sicher auch darum, dass mit ihm auch ein gewaltiges Potenzial noch nicht entstandener musikalischer Werke für immer verschwand.

Als "Hirninfarkt" wird gemeinhin ein ischämischer Schlaganfall bezeichnet, bei dem ein Blutgerinnsel im Gehirn ein Blutgefäß verstopft, so dass Teile des Gehirn nicht mehr mit Sauerstoff versorgt werden und zugrunde gehen. Dies ist nicht zu verwechseln mit einer Gehirnblutung, dem sogenannten hämorrhagischen Schlaganfall, bei dem ein Blutgefäß im Gehirn platzt und das austretende Blut Gehirngewebe zerstört. Diese Art von Schlaganfall macht nur etwa 20 Prozent aller Schlaganfälle aus, die weitaus meisten sind hingegen ischämische Schlaganfälle.

Ein ischämischer Schlaganfall hat damit die gleiche Ursache wie ein Herzinfarkt: Die Blutgerinnsel entstehen, wenn entzündliche Ablagerungen (die arteriosklerotische Plaque) in den Wänden einer Arterie aufreißen, darunter eingeschlossene Partikel in die Blutbahn austreten und dies die körpereigenen Freßzellen auf Plan ruft, die eigentlich die Partikel unschädlich machen sollen. Wenn zu viele solcher Zellen zusammenkommen, bilden sie ein Gerinnsel (medizinisch Thrombus), das das Blutgefäß an Ort und Stelle verstopfen kann, oder aber auch sich lösen und durch die Blutbahn wandern kann, bis es an eine Stelle kommt, die schlicht zu eng ist. Befindet sich die Stelle in einem Herzkranzgefäß, entsteht ein Herzinfarkt, liegt es im Gehirn, entsteht entsprechend ein Hirninfarkt. In solchen Fällen kann ein körpereigener Abwehrmechanismus also tödlich wirken.

Die gute Nachricht ist: Durch eine vollwertig pflanzliche Ernährung ohne extrahierte Öle lässt sich verhindern, dass solche Entzündungen in den Wänden der Arterien neu entstehen, bzw. dass bereits entstandene Plaque aufreißt. Diese Methode hat Dr. Esselstyn wieder und wieder bei schwerst herzkranken Patienten mit großem Erfolg eingesetzt. Er konnte sogar zeigen, dass bereits entstandene Plaque in den Arterienwänden sich bei dieser Ernährung wieder zurück bildet. Damit hat er eine einfache und effektive Methode zur Verhinderung von Herzinfarkten und ischämischen Schlaganfällen entwickelt und etwas geschafft, was Jahrzehnte an Pharmaforschung nicht vermochten. Dafür hätte er eigentlich den Nobelpreis für Medizin verdient, aber wahrscheinlich wird seine Methode von den über die Preisträger entscheidenden Kolleginnen und Kollegen einfach als zu einfach eingeschätzt.  Der prominenteste Mensch, der auf diese Weise einen Herzinfarkt vermeidet, ist sicher Bill Clinton. Und auch seine Tochter Chelsea hat sich ihm in dieser Ernährungsweise angeschlossen.

Herz- und Hirninfarkte sind ein gutes Beispiel dafür, dass Menschen mit dem Verbrauch von Tieren nicht nur diesen, sondern auch sich selbst völlig unnötiges und vermeidbares Leid zufügen. Das von Melanie Joy so schön getaufte allgegenwärtige System des Karnismus tarnt den Tierverbrauchs als Normalität und verhindert so, dass er als der Wahnsinn erkannt wird, der er eigentlich ist.

Sonntag, 24. Januar 2016

Trauer um einen unnötig verstorbenen Kollegen

Ich trauere um meinen besonders netten Kollegen Volker, der diese Woche mitten während der Arbeit zusammenbrach und dort noch notärztlich versorgt wurde. Ich war gerade auf dem Weg in das Gebäude, in welchem er sein Büro hatte, als  er im Schnellschritt von Sanitätern auf einer Krankenliege durch den Hauptgang an mir vorbei zum draußen stehenden Rettungswagen gerollt wurde, aschfahl und offenbar schon bewusstlos. Ich hoffte noch inständig, dass man ihm würde helfen können. Leider kam dann am nächsten Tag die Rundmail der Geschäftsleitung, die die bösesten Vorahnungen zu einer traurigen Gewissheit machte: Er war noch am selben Tag verstorben.

Man konnte mit Volker immer ein paar freundliche Worte austauschen, ob man ihn nun an der Straßenbahnhaltestelle traf oder in der Kantine. Wenn man ein Problem hatte, welches in sein Fachgebiet fiel, hat er einem die Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt und erläutert. Er war der Typ Mensch, von dem man sich nicht vorstellen konnte, dass er irgendwem etwas Böses wollte. Er strahlte immer Ruhe und Besonnenheit aus. Volker war erst 57 Jahre alt und wurde von einem Moment auf den anderen mitten aus seinem Leben gerissen. Meine Gedanken gelten auch seinen Angehörigen, die völlig unerwartet einen unsäglichen Verlust ertragen müssen.

Die Todesursache war vermutlich ein Herzinfarkt und wahrscheinlich hat der Arzt es auch so auf dem Totenschein eingetragen. Da ja kein Hinweis auf eine unnatürliche Todesursache vorliegt (weil ein Herzinfarkt ja als "natürlich" gilt), wird Volkers sterbliche Hülle sicher nicht obduziert werden, so dass man es nie mit letzter Sicherheit erfahren wird.

Leser meines Blogs oder der Bücher von Dr. Esselstyn oder Dr. McDougall wissen ja, dass ein Herzinfarkt eine vermeidbare Wohlstandskrankheit ist. Volker wusste es wohl nicht. Wahrscheinlich ahnte er auch gar nicht, dass er in akuter Lebensgefahr war, denn man hat ja immer die Vorstellung, dass wenn es einen mal erwischen sollte, man das ja sicher überleben würde und sich dann immer noch Gedanken über eine gesündere Lebensweise machen könnte. Hätte er es aber geahnt und hätte er auch die Information gehabt, dass ein bloßer Verzicht auf Tierprodukte und extrahierte Fette diese Gefahr hätte ausschließen können, so bin ich sicher, dass er diese Möglichkeit genutzt hätte.

Leider wird die Öffentlichkeit weiter nicht über diese Möglichkeit informiert und stattdessen werden weiter Halbwahrheiten verbreitet, die die Menschen davon abhalten, sie für sich zu nutzen. So lief erst am Freitag auf 3sat eine Sendung mit dem Titel "Die Wahrheit über Fette", in der alles Mögliche gesagt und gezeigt wurde, aber eben nicht die entscheidende Wahrheit, dass die Fette in vollwertiger pflanzlicher Nahrung einschließlich ein paar Nüssen und geschroteten Leinsamen dem Körper einerseits vollkommen ausreichen und andererseits im Gegensatz zu tierischen und extrahierten pflanzlichen Fetten nicht zu einer Enstehung oder einem Fortschreiten von Arteriosklerose beitragen.

Ich habe es mir nicht angetan, die ganze Sendung anzusehen, da ich die Machart und den üblichen Tenor schon kenne. (Mediterrane Kost besser als sogenannte "fettarme" Ernähung mit 30 Prozent Fett, bla, kalt gepresstes Olivenöl, bla bla. Fettarmes Essen schmeckt nicht, bla, und verleitet zum Konsum von zuviel Kohlehydraten, bla bla, Blutzuckerschwankungen, Heißhunger, Übergewicht, bla bla bla. Seltsam, dass nie erwähnt wird, dass z.B. ein Stück Fleisch eine viel höhere Insulinantwort des Körpers produziert als eine noch so große Portion Kartoffeln. Selbst wenn also Insulin und seine Schwankungen böse wären -was sie natürlich nicht sind, denn es ist genau das Insulin, welches Blutzucker und Appetit reguliert- müssten diese Experten vom Konsum von Tierprodukten abraten.)

Aber natürlich wurde auch wieder die eine Halbwahrheit verbreitet, die auf eine ganze Lüge hinausläuft: Sinngemäß wurde wieder gesagt, dass ein Drittel aller Herzinfarktpatienten schlank sei und niedrige Cholesterinwerte habe. Daraus soll der geneigte Zuschauer natürlich schließen, dass eine Senkung des Cholesterinspiegels einen nicht vor einem Herzinfarkt schützen könne.

Nur: Die Aussage ist genauso sinnvoll wie die Aussage "Die Hälfte aller Autounfälle mit Toten geschieht bei niedrigen Geschwindigkeiten." Die Aussage ist sogar in jedem Fall wahr: Ich muss nur alle Autounfälle mit Toten hernehmen und prüfen, bei welchen Geschwindigkeiten sie sich ereigneten. Sagen wir, die Bandbreite läge zwischen 28 und 317 Stundenkilometern. Nun sortiere ich die tödlichen Autounfälle aufsteigend nach der Geschwindigkeit, bei der sie sich ereigneten, und zähle die Hälfte der so sortierten Reihe ab. Ich lande bei einem Autounfall, der sich bei einer Geschwindigkeit von z.B. 147 Stundenkilometern ereignete. Nun sage ich einfach, dass eine Geschwindigkeit von unter 150 Stundenkilometer niedrig sei. Schon kann ich sogar sagen, dass sich über die Hälfte aller Autounfälle mit Todesfolge bei "niedrigen" Geschwindigkeiten ereignet. Damit habe ich ein prima Argument, dass Geschwindigkeitsbeschränkungen nicht gegen Verkehrstote helfen.

Die Aussage, dass ein Drittel aller Herzinfarktpatienten niedrige Cholesterinwerte habe, fällt in die gleiche Kategorie, denn bei uns werden Gesamtcholesterinwerte von unter 200 mg/dl völlig willkürlich als niedrig deklariert. Ernährt man sich hingegen vollwertig pflanzlich und ohne extrahierte Fette, so bekommt man einen Wert von unter 150 mg/dl. Das ist dann tatsächlich so niedrig, dass man vor einem Herzinfarkt geschützt ist, wie Dr. Esselstyn in seinen Studien bewiesen hat.

Diese Studien wurden natürlich in der Sendung wieder nicht erwähnt, obwohl sie so revolutionär sind, dass Dr. Esselstyn dafür den Nobelpreis für Medizin verdient hätte. Es bleibt die Hoffnung, dass sich die dadurch gewonnenen Erkenntnisse auch ohne unsere Medien durch Mund-zu-Mund-Propaganda verbreiten, zumindest bei denen, die tatsächlich schon von kardiovaskulären Erkrankungen betroffen sind und diese bisher überlebt haben. Rollenvorbilder wie das von Bill Clinton könnten dabei helfen und auch ich hoffe, mit meinem Blog dazu einen bescheidenen Beitrag leisten zu können.

Samstag, 2. Januar 2016

Frohes neues Jahr der Hülsenfrüchte

Fasolia - Bohnengericht aus weißen Bohnen und Tomatensoße
Ich wünsche Ihnen, den Leserinnen und Lesern meines Blogs, ein frohes und gesundes neues Jahr 2016. Da dieses Jahr von der Generalversammlung der Vereinten Nationen zum internationalen Jahr der Hülsenfrüchte erklärt wurde, wünsche ich Ihnen auch viele leckere vegane und ölfreie Mahlzeiten mit Bohnen,  Linsen und Erbsen, von denen wir in unserem Kulturkreis inzwischen leider viel zu geringe Mengen essen.

Es gibt keine Lebensmittelgruppe, deren Verzehr über alle Kulturkreise hinweg so eindeutig mit einer hohen Lebenserwartung assoziiert ist, wie eben die Hülsenfrüchte. In der "Food Habits in Later Life (FHILL)"-Studie [1]  wurden ethnische Gruppen von über 70-Jährigen aus Japan, Griechenland, Schweden und Australien daraufhin untersucht, wie ihre Sterblichkeit mit dem Verzehr verschiedener Lebensmittelgruppen zusammen hing. In dieser Studie wurde nur für die Lebensmittelgruppe der Hülsenfrüchte in allen ethnischen Gruppen ein signifikanter Zusammenhang zwischen  ihrem Konsum und einer reduzierten Sterblichkeit festgestellt, wobei das Sterblichkeitsrisiko je 20 Gramm täglicher Aufnahme um 7-8 Prozent geringer war. Natürlich wäre es ein Fehlschluss, nun  anzunehmen, dass man für diese verringerte Sterblichkeit erst ab 70 Jahren vermehrt Bohnen und Linsen essen müsse. Man kann im Gegenteil davon ausgehen, dass wer mit 70 und darüber besonders viele Hülsenfrüchte aß, dies auch schon in jüngeren Jahren getan hatte.

In vielen Regionen der Erde sind Hülsenfrüchte ein Grundnahrungsmittel, z.B. Bohnen zusammen mit Reis in Südamerika und Dal aus roten Linsen in Indien. Sie liefern mit Stärke und Proteinen besonders viel wertvolle Nahrungsenergie  und darüber hinaus zahlreiche Mikronährstoffe in Form von Vitaminen, Mineralien, Spurenelementen und sekundären Pflanzenstoffen. Ihr biologischer Anbau trägt Stickstoff in die Böden ein und fördert damit noch deren Fruchtbarkeit anstatt sie auszulaugen.

Auch andere Studien haben viele positive Effekte durch den Genuss von Bohnen, Erbsen und Linsen gezeigt: Sie halten den Blutzucker und den Blutdruck unter Kontrolle [2] und senken das böse LDL-Cholesterin [3], wozu unter anderem ihr hoher Gehalt an Ballaststoffen beitragen dürfte.

Also Leute: Esst mehr Bohnen, Linsen und Erbsen!

Übrigens zeigt kaum etwas besser, dass die sogenannte Paläo-Ernährung unwissenschaftlicher Quark ist, als deren Warnung vor Hülsenfrüchten. In Anbetracht der nachgewiesenen positiven Effekte von Hülsenfrüchten müssen entweder schon die Annahmen der Paläo-Ernährung über die Ernährung unserer steinzeitlichen Vorfahren falsch sein, oder es kann etwas mit den Schlussfolgerungen in Bezug auf die Bedeutung der Steinzeitkost für die Gesundheit heutiger Menschen nicht stimmen. Zwar wird die Warnung vor Hülsenfrüchten in der sogenannten Paläo-Ernährung scheinbar wissenschaftlich damit verbrämt, dass Hülsenfrüchte mit den Lektinen giftige "Antinährstoffe" enthielten. Dabei wird aber schlicht unterschlagen, dass die Lektine in Bohnen, Linsen und Erbsen durch das Kochen entweder komplett unschädlich gemacht werden (im Falle der Phasine) oder mindestens um den Faktor 1000 auf vollkommen ungefährliche Größenordnungen reduziert werden (im Falle der Phytohämaagglutinine). Natürlich muss dringend davon abgeraten werden, Hülsenfrüchte ungekocht zu verzehren. Aber Menschen kochten ihre Nahrung nachweislich schon seit mindestens einer Million Jahren. Anthropologen gehen heute davon aus, dass es dieses Kochen war, das unseren Vorfahren die zusätzliche Nahrungsenergie verfügbar machte, welche zur Ausbildung des sehr komplexen und damit energiehungrigen menschlichen Gehirns erforderlich war.

Im Falle eines anderen von der sogenannten Paläo-Ernährung als Antinährstoff gescholtenen Stoffes, nämlich der Phytinsäure, die z.B. in Vollgetreide vorkommt, zeigen neueste Forschungen einige positive Effekte, die sich offenbar aus dem Zusammenspiel mit der Darmflora ergeben. Das Zusammenwirken von Pflanzenstoffen und Darmflora ist noch größtenteils unerforscht. Das Genom der Darmflora unterliegt einer wesentlich schnelleren Evolution als das des Menschen selbst. Dies wird von der sogeannten Paläo-Ernährung vollkommen außer acht gelassen.

Also: Wenn Sie auf irgendwelchen Blogs wie Paleo360 oder Urgeschmack Warnungen vor "Anti-Nährstoffen", Lektinen und Phytinsäure in Hülsenfrüchten und Vollgetreide lesen, ignorieren Sie es einfach, auch wenn die Argumente scheinbar wissenschaftlich daherkommen!


[1] Asia Pac J Clin Nutr. 2004;13(2):217-20. Legumes: the most important dietary predictor of survival in older people of different ethnicities. Darmadi-Blackberry I1, Wahlqvist ML, Kouris-Blazos A, Steen B, Lukito W, Horie Y, Horie K. [Link zur Originalstudie]

[2] Arch Intern Med. 2012 Nov 26;172(21):1653-60. Effect of legumes as part of a low glycemic index diet on glycemic control and cardiovascular risk factors in type 2 diabetes mellitus: a randomized controlled trial. Jenkins DJ1, Kendall CW, Augustin LS, Mitchell S et. al. [Link zur Originalstudie]


[3] CMAJ. 2014 May 13; 186(8): E252–E262. Effect of dietary pulse intake on established therapeutic lipid targets for cardiovascular risk reduction: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Vanessa Ha, John L. Sievenpiper, Russell J. de Souza et. al [Link zur Originalstudie]

Sonntag, 1. November 2015

Offener Brief an die Nachdenkseiten zu ihrem "Wurstartikel"

Die Nachdenkseiten sind ein Online-Medium, welches versucht, im Sinne der Aufklärung eine kritische Gegenöffentlichkeit zu den etablierten Medien zu solchen Themen wie Sozial-, Wirtschafts- und Außenpolitik aufzubauen. Das ist auch dringend erforderlich, wenn man bedenkt, dass z.B. 80 Prozent des deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenmarktes in der Hand von wenigen Multimillionärsfamilien sind, die kein Interesse daran haben, mit ihren Medien Diskussionen zu befördern, die an ihre Privilegien rühren würden. Dies gilt leider selbst dann, wenn die Abschaffung solcher Privilegien (wie z.B. die mit Tricks fast steuerfreie Vererbbarkeit selbst von Milliardenvermögen, die Förderung des Lohndumpings im Sinne der Kapitaleigner, die Begünstigung von Kapital- gegenüber Erwerbseinkünften und die Aussetzung der Vermögenssteuer) das Leben von Millionen von Menschen in diesem Land und anderswo erleichtern und auch die Gesellschaft insgesamt besser und gerechter machen könnte.

Die Regierung, die Wirtschaftsfakultäten, die Unternehmerverbände und -lobbys und leider auch die meisten Medienredaktionen dieses Landes sind von der neoklassischen Wirtschaftstheorie durchdrungen, die auf falschen Annahmen beruht, wieder und wieder zu falschen Prognosen führt, falsche Mythen (wie z.B. Staatsschulden als Lasten künftiger Generationen) und logische Widersprüche hervorbringt. (Wie z.B. den, dass alle Staaten gleichzeitig ihre "Wettbewerbsfähigkeit" verbessern könnten.)  Ich kann nur jeder Leserin und jedem Leser empfehlen, die auf den Nachdenkseiten gesammelten und aufbereiteten Informationen einmal durchzusehen und damit den eigenen kritischen Verstand gegen die vielen kursierenden und unhinterfragten neoklassischen Dogmen und Mythen zu aktivieren. Es ist nicht viel anders als beim Karnismus: Ein herrschendes Glaubenssystem, dass von der Mehrheit der Menschen (noch) nicht hinterfragt wird, wird als solches unsichtbar und erscheint dann den meisten als "Wahrheit".

Umso enttäuschter bin ich dann immer, wenn die Macher solcher aufklärerischen und kritischen "Gegenmedien" (ein anderer Fall ist Telepolis) sich bemüßigt fühlen, in puncto Fleischkonsum den Status Quo und damit wohl einfach ihre eigenen Ernährungsgewohnheiten zu verteidigen. Dies war auch jüngst bei den Nachdenkseiten der Fall, deren von mir sehr geschätzter Redakteur Jens Berger mit einem Artikel auf die jüngste WHO-Veröffentlichung reagierte, die den Verzehr von rotem und insbesondere von verarbeitetem Fleisch als Risikofaktor für die Entstehung von Darmkrebs  aufzeigte. (Und deren Ergebnisse für gut informierte vegan lebende Menschen gar nichts Neues mehr waren.) In dem Artikel versucht Jens Berger, die Schlussfolgerungungen der der WHO-Veröffentlichung zugrunde liegenden Meta-Studie als nicht stichhaltig und letztlich aufgebauscht und irrelevant darzustellen, was aber gründlich misslingt. Ich habe der Nachdenkseitenredaktion draufhin den folgenden offenen Brief geschickt:

>> Liebe Nachdenkseiten-Redaktion und insbesondere lieber Herr Berger,


ich bin ein Nachdenkseiten-Leser der ersten Stunde und habe diese in der Phase der ersten Jahre auch finanziell in bescheidenem Rahmen gefördert. Ich besuche die Nachdenkseiten auch heute noch jeden Tag und sie liefern mir wertvolle Fakten und Argumente, wenn im Kollegenkreis wieder einmal die verbreiteten neoliberalen Thesen (demographische Entwicklung, zu hohe Lohnnebenkosten, zuviel Staat) oft gegen alle Fakten und alle Logik verbreitet werden. An dieser Stelle also vielen, vielen Dank an Sie, dass sie soviel Fleiß und Herzblut in dieses unverzichtbare Projekt stecken. Da ich somit viele Texte von Jens Berger bereits kannte und schätzte, habe ich auch sein Buch "Wem gehört Deutschland?" mit Freuden gelesen und seitdem auch mehrfach verschenkt.

Deshalb war ich gestern etwas irritiert, als ich statt der Hinweise des Tages auf den Nachdenkseiten einen Artikel von Herrn Berger vorfand, der die Ehre der Produkte der Fleischindustrie gegen die Wissenschaft verteidigte. Nun muss ich dazu sagen, dass ich aus ethischen Gründen vor nunmehr fünf Jahren auf eine vegane Ernährung umgestiegen bin. Mir ist es also letztlich ganz egal, ob die Wurst nun Krebs verursacht oder nicht, ich esse sie schon deshalb nicht, weil für ihre Herstellung mit Bewusstsein begabte Tiere fürchterliche Qualen erleiden müssen, trotz Hungers aus drei bis fünf für die menschliche Ernährung geeigneten Kilokalorien nur eine einzige gemacht wird, der Klimawandel unnötig verschärft wird, das Grundwasser mit Nitraten verseucht wird, eine extrem unsoziale und ausbeuterische Industrie am Leben gehalten wird usw. usf. Davon fand sich in dem Artikel leider nichts, obwohl diese Aspekte unauflöslich mit den Fleischprodukten in den Supermärkten verbunden sind.

Nun könnte ich auch darüber hinwegsehen, wenn es denn tatsächlich in Herrn Bergers Artikel darum gegangen wäre, in der bekannten aufklärerischen Manier bei der WHO-Veröffentlichung zu verarbeitetem und rotem Fleisch einen Missbrauch mit Statistik nachzuweisen, wie er ja gerne zum Beleg der oben erwähnten neoliberalen Thesen betrieben wird.

Ein solcher lag aber bei der WHO-Untersuchung und der entsprechenden Veröffentlichung schlicht nicht vor. Statt solch einen Missbrauch aufzuzeigen, variiert Herr Berger den Grundsatz "Korrelation ungleich Kausalität" in diesem Artikel rauf und runter, obwohl der zwar richtig, aber im Kontext der Aussagen der WHO-Meta-Studie zu verarbeitetem und rohem Fleisch gar nicht relevant ist. Statistisch nachgewiesene Zusammenhänge sind nämlich nie sicher. Das gilt z.B. genauso für den Zusammenhang zwischen Rauchen, Radioaktivität und Asbest einerseits und Krebsentstehung andererseits. Man könnte also wie Herr Berger bei Asbest genauso argumentieren, dass die Korrelation zwischen dem Umgang mit Asbest und der Erkrankung an Lungenkrebs ja nur eine Korrelation sei und deshalb noch gar nichts darüber aussage ob Asbest diesen Krebs auch verursache. Vielleicht sind ja Raucher unter den Arbeitern, die viel Kontakt mit Asbest haben, überrepräsentiert und weisen nur deshalb eine höhere Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung an Lungenkrebs aus. Also müsse man nichts auf Studien geben, die einen Kontakt mit Asbest als Krebsrisiko darstellten. Solche bekannten oder unbekannten Größen nennt man in der Statistik "confounding factor" oder auf deutsch "Störfaktor". Nur: Methodisch vernünftige epidemiologische Studien versuchen genau solche Störfaktoren bereits auszuschließen, in dem z.B. im Falles des Abests nur sportmuffelige Raucher, sportmuffelige Nichtraucher, sportliche Raucher und sportliche Nichtraucher untereinander im Hinblick auf die Exposition mit Asbest verglichen werden. Man nennt das Adjustieren. Auf diese Weise versucht die Epidemiologie explizit von anderen Variablen unabhängige  Risikofaktoren zu finden.

Die Wissenschaftler bei der WHO wissen das alles und haben es in ihrer Metastudie bereits berücksichtigt. Sie bezeichnen den Zusammenhang zwischen dem Konsum von verarbeitetem bzw. rotem Fleisch und Krebs entsprechend auch wissenschaftlich korrekt als "wahrscheinlich" bzw. "möglicherweise" krebserregend. (Genauso wie eben Radioaktivität nur "wahrscheinlich" krebserregend ist.)

Eine groß angelegte, langjährige und insbesondere unter dem Aspekt des Fleischkonsums interessante Studienreihe ist die zur Lebensweise der Siebenten-Tags-Adventisten in den USA. Diese begreifen nämlich allesamt ihren Körper als Schrein Gottes und pflegen deshalb einen sorgfältigen Umgang mit ihm. Raucher gibt es unter ihnen kaum und Alkohol konsumieren sie in aller Regel nur sehr mäßig. Einige von ihnen essen jedoch Fleisch, andere nicht. Sie sind also eine gute Untersuchungsgruppe, um die Risiken des Fleischkonsums unabhängig von anderen Lebensstil-Faktoren zu testen. Und siehe da: Auch bei ihnen findet sich eine statistisch relevanter und sogar sehr deutlicher Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Sterblichkeit.

Die von Herrn Berger zitierte Studie, die sogar ein erhöhtes Darmkrebsrisiko bei Vegetariern feststellt, krankt umgekehrt daran, dass sie den Konsum von anderen tierischen Produkten als Fleisch, insbesondere den von Milchprodukten, als Störfaktor gerade nicht ausschließt.  Viele nicht-vegane Vegetarierer kompensieren nämlich den Verzicht auf Fleisch mit einem Übermaß an Milchprodukten, insbesondere Käse. Längst weiß man jedoch, dass der übermäßige Konsum von Milchprodukten zum einen zu einer übermäßigen Aufnahme von Kalzium führen kann (die selbst ein unabhängiger Faktor bei Darmkrebs ist) und zum anderen zu erhöhten IGF-1-Spiegeln führt. Dass der Wachstumsfaktor IGF-1 wiederum bei der Krebsenstehung beteiligt ist, erschließt sich daraus, dass Menschen mit dem genetisch verursachten Laronne-Syndrom keinen solchen Faktor bilden und zwar kleinwüchsig bleiben und auch spezielle Gesundheitsprobleme haben, jedoch offenbar "immun" gegen Krebserkrankungen sind.

Herr Berger zweifelt dann noch die Erklärungsansätze an, die er jedoch -das ist zu loben- zumindest benennt. Z.B. ist es unter Medizinern längst keine Neuigkeit mehr, dass das früher so hochgelobte dreiwertige tierische Hämeisen viel problematischer ist als das zweiwertige pflanzliche Eisen. Von letzerem kann der Körper nämlich so viel aufnehmen wie er gerade braucht, während er ersteres aufnehmen muss, selbst wenn der Bedarf längst gedeckt ist. Es wirkt dann als Oxidans, kann also Gensequenzen in den Zellen zerstören.
Und dass das Nitritpökelsalz in verarbeitetem Fleisch mit Aminen zu Nitrosaminen reagieren kann, die ihrerseits schon als wahrscheinlich krebserregend eingestuft wurden, ist doch auch altbekannt. Das dürfte den eindeutigeren Zusammenhang zwischen Wurst und Krebs im Vergleich zu dem zwischen unverarbeitetem roten Fleisch und Krebs gut genug erklären.

Was aber außer plausiblen Erklärungsansätzen und statistisch relevanten Zusammenhängen (bei denen die Störfaktoren in den guten Studien herausgerechnet wurden), will Herr Berger denn noch? Mehr gibt es nie, auch nicht wie erwähnt bei der Radioaktivität oder bei Asbest. Will Herr Berger am Ende einfach seine eigenen Ernährungsgewohnheiten verteidigen, auch gegen die Rationalität der Wissenschaft? Dann wäre es ehrlicher, wenn er dazu stünde, an diesen Gewohnheiten festhalten zu wollen, egal was Studien dazu herausfinden. So machen es heutige Raucher ja auch.

Sonst stellen die Nachdenkseiten auch immer die wichtige Frage "Cui bono?". Wem sollte es also nützen, wenn die WHO die Gefahren des Fleischkonsums übertriebe? Meinen Sie, dass die Lobby der Gemüsebauern die Überhand bei den wissenschaftlichen Beratergremien der WHO gewonnen hätte? Das ist doch wohl eher unwahrscheinlich, zumal es den Gemüsebauern unter wirtschaftlichen Aspekten egal sein kann, ob sie ihre Produkte zum Verzehr durch Menschen oder durch Tiere in der Tiermast verkaufen. Eher steht hier eine unabhängige, supranationale Organisation gegen die Lobby der Fleischindustrie, die in den USA und in der EU schon mehrfach bewiesen hat, Gesetze zu ihren Gunsten erwirken bzw. Gesetze zu ihrem Schaden kippen zu können. Es ist also zu loben, dass die WHO ihre wissenschaftliche Unabhängigkeit auch gegen solche mächtigen Interessen bewahrt und diese Studie veröffentlicht hat.

Ich schlage vor, dass Herr Berger sich einmal mit dem den Nachdenkseiten offenbar ja auch verbundenen Statistikprofessor Gerd Bosbach darüber in's Vernehmen setzt, wie die WHO-Meta-Studie zum Konsum von verarbeitetem und rotem Fleisch als Krebsrisiko unter dem wissenschaftlichen Aspekt zu bewerten ist.  Dann wird er sicher erfahren, dass hier eben kein Missbrauch mit Statistik zur Durchsetzung von Einzelinteressen vorliegt.

Mit nachdenklichen Grüßen
Hauke Dressel
Frechen
<<
 

Sonntag, 3. Mai 2015

Das wird aus vegan mangelernährten Kindern

Welcher vegan lebende Mensch kennt es nicht, das Mantra: "Ja Du als Erwachsener kannst ja mit Deinem Körper machen was Du willst, aber Kinder vegan zu ernähren ist Kindesmisshandlung." Nun habe ich selbst keine Kinder und hielt mich bei dem Thema daher immer etwas zurück, da ich zwar weiß, dass auch Kinder problemlos mit veganer Ernährung aufwachsen können, dass allerdings bei ihnen wohl leicht andere Empfehlungen gelten als bei veganen Erwachsenen. So sollte ihre Nahrung aufgrund ihres Wachstums z.B. wohl durchaus etwas kaloriendichter sein und darf damit in größeren Mengen Bestandteile enthalten, bei denen man als veganer Erwachsener eher Maß halten würde, wie z.B. Avocados oder Nüsse und Erdnüsse.  Außerdem empfiehlt sich für Schwangere und Stillende sowie Kinder wohl die Supplementierung der langkettigen Omega-3-Fettsäure DHA auf Algenbasis, weil dies die Hirnentwicklung des Fötus bzw. Säuglings bzw. Kindes positiv beeinflusst. Von Fischöl ist ja nicht nur veganen Schwangeren dringend abzuraten, da es hohe Mengen Quecksilber enthalten kann. (Und um es noch mal ganz klar zu stellen: Nichts, aber auch gar nichts am Stillen von Kindern mit Muttermilch ist unvegan. Im Gegenteil wünscht man sich als Veganerin und Veganer, dass alle Säugetiermütter ihre eigenen Säuglinge stillen können.)

Obwohl z.B. die amerikanische Organisation der Ernährungsberater auch schon klar gestellt hat, dass eine gut geplante vegane Ernährung für alle Phasen des Lebens einschließlich Schwangerschaft, Stillzeit und Kindheit geeignet ist, findet man im deutschen Fernsehen kaum eine Sendung oder Talkrunde zum Thema, wo vegane Ernährung nicht als für Kinder schädlich dargestellt wird. Da wird dann als Kronzeugin gerne Ulrike Gonder vor die Kamera geholt oder einfach auf die in dieser Hinsicht unwissenschaftliche Stellungnahme der DGE Bezug genommen. Muss noch mal erwähnt werden, dass die wissenschaftlichen Beiräte der Regionalsektionen der DGE mit Vertretern der Fleisch- und Milchwirtschaft durchsetzt sind? Zuletzt war es wieder der Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt von der CSU, der auf diese Weise bei Maischberger seinen Job der Vertretung der Interessen der Landwirte, d.h. in dem Fall der Vieh- und Milchwirte machte.

Nun hier habe ich ein Beispiel für die Schädlichkeit der veganen Mangelernährung bei Kindern. Dabei kann nämlich so etwas herauskommen wie die beiden jungen Damen in diesem Video:


Die Schäden für ihre Gesundheit und Lebensfreude sind unübersehbar. Man vergleiche sie nur mit Jugendichen, die als Kinder regelmäßig mit einer Kindertüte bei einer der bekannten Burgerketten  beglückt wurden.

Nachtrag 5.5.2015: Wie aus dem Video und den Kommentaren hervorgeht, ernähren sich Nina und Randa Nelson, so heißen die beiden nämlich, wie ich vollwertig vegan und ölfrei, d.h. auf der Grundlage von Stärkehaltigem wie Kartoffeln, Vollgetreide einschließlich Naturreis und ähnlichem. (McDougall anyone?) Ihre Erfahrung, dass sie mit dieser Ernährung unabhängig von Portionsgrößen und dem Maß an körperlicher Aktivität niemals unnötigen Bauchspeck ansammeln, deckt sich mit meiner und eigentlich aller, die diese Ernährung praktizieren.